DIE ZEIT: In Ihrer internationalen Schule nehmen Sie auch Flüchtlingskinder auf. Wie kommen Sie zu denen? Es heißt, für die Aufnahme in ein United World College zählten nur Eignung und Begabung.

Laurence Nodder: Seit den Anfängen vor 50 Jahren bemühen sich die nationalen Auswahlkomitees in allen Ländern darum, Kinder aller Herkünfte und Chancen auszuwählen. Aber anfangs hat man kaum bedacht, dass Kinder höchst unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen haben, sich als geeignet bemerkbar zu machen. Erst im vergangenen Jahrzehnt hat sich ein bewusster Wandel vollzogen: Nun versuchen wir, unter den Bewerbern Jugendliche auszuwählen, denen bereits Bemerkenswertes gelungen ist, und zwar gemessen an ihren Voraussetzungen. Das ist etwas ganz anderes, als bemerkenswert gute Voraussetzungen zu haben.

ZEIT: Aber bewerben sich Flüchtlinge denn? Brauchen sie ein anderes Entgegenkommen?

Nodder: Die Zugänglichkeit unserer Schulen hängt auch davon ab, wie bekannt sie in einem Land sind. In meinem Heimatland Südafrika zum Beispiel schloss die Onlinebewerbung viele Kinder aus, weil sie keinen Zugang zum Internet haben. Auch Flüchtlingskindern fehlt oft auf andere Weise der Zugang, sich durch eine Bewerbung bemerkbar zu machen, aber eine Flucht gemeistert zu haben ist in sich schon bemerkenswert. Wir arbeiten in allen Ländern hart daran, unsere Wahrnehmung von Vielfalt und auch unsere Suche zu verfeinern.

ZEIT: Wie gehen Sie hier in Freiburg vor?

Nodder: Wir hatten eine einfache Idee. Wir gehen auf Menschen zu, die uns beim Suchen und Finden unterstützen können. Auch diese Idee ist an unseren afrikanischen Erfahrungen geschult, ich habe ja zuvor in Swasiland das United World College geleitet: In Simbabwe hat eine Stiftung, die sich um 40.000 Waisenkinder kümmerte, dem College mögliche Schüler vorgeschlagen, die wir nicht erreicht und die sich nicht von allein beworben hätten. Ähnlich machen wir es jetzt in Freiburg: Wir bitten Sozialarbeiter, Schulen und Vormunde, uns bei einer diskreten Suche zu helfen und uns Flüchtlingskinder vorzuschlagen, die sich bewerben sollten.

ZEIT: Warum sollen sie College-Schüler werden?

Nodder: Wir brauchen sie. Es gibt heute faktisch mehr und mehr Flüchtlinge in der Welt, ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen sind zutiefst wichtig, um die menschliche Situation zu verstehen. Ich möchte ihre Stimmen an unseren Tischen hören. Mein College ist dafür da, dass Menschen als Gleiche miteinander leben, die einander sonst nicht begegnen.

ZEIT: Aber was heißt das praktisch für die Suche, Bewerbung und Auswahl?

Nodder: Wir wollten nicht laut die Werbetrommel rühren und vor allem keine falschen Erwartungen wecken, Enttäuschungen hervorbringen und Träume zerstören, denn das ist diesen Flüchtlingen schon zu oft passiert. Deshalb haben wir uns unbemerkt mithilfe der Sozialarbeiter und Lehrer im Schulalltag der Neuankömmlinge einen Eindruck von möglichen Bewerbern gemacht, und erst, als wir uns sicher fühlten, dass eine Bewerbung sinnvoll ist, haben wir die Kandidaten angesprochen. Das war ein gründlicher und sorgfältiger Auswahlprozess.

ZEIT: Warum haben Sie nur zwei aufgenommen? Zwei von gut hundert Schülern insgesamt?

Nodder: Es ist ein Anfang. Warum zwei? Was ist die richtige Proportion? Wer kann das wissen? Wir spielen in diesen Colleges beim Auswählen immer auch Gott, indem wir begabte Kinder aus allen Herkünften zusammensetzen, ob sie aus Wüstenregionen oder Regenwaldgebieten kommen, ob sie Straßenkinder sind oder aus wohlhabenden Häusern stammen, mit oder ohne Eltern, aus möglichst vielen Religionen und Staaten. Da gibt es keine zweifellos richtigen Quoten, sondern immer nur Versuche, die Stimmen der Welt hier zusammenzubringen.

ZEIT: Was ist an Ihrer Suche nur einem United World College möglich?

Nodder: Nichts. Jede Schule könnte es ähnlich machen. Wir versuchen ja nur, selbst in einem Kind, das vielleicht mehrere Schuljahre verpasst hat, eine Begabung oder Leidenschaft, ein Interesse oder eine Fertigkeit zu erkennen, die den Weg auch auf eine Universität öffnen könnte. Unsere Erfahrung ist außerdem: Man muss eine Sprache nicht fließend sprechen, um in ihr aufs Abitur lernen zu können und schnell Fortschritte zu machen.

ZEIT: Ihre Schüler erzählen mir, hier sei jeder und keiner ein Flüchtling, und alle seien gleich an Rechten. Sind sie denn alle gleich, indem sie ihre Vergangenheit unausgesprochen hinter sich lassen?

Nodder: Wir versuchen, Raum für die Biografien und Herkünfte der Kinder zu öffnen. Auch wenn die Kinder nicht alles direkt aussprechen, kommt ihre Vergangenheit hier in der Schule unweigerlich zur Sprache. Einer unserer Schüler hat vor Kurzem in einer Rede ironisch bemerkt, Flüchtlinge trügen zur ökologischen Nachhaltigkeit bei, weil sie nicht flögen. Er sprach es nicht aus, aber man merkte doch: Er wusste, wovon er sprach.