Mark, ich glaube nicht, dass das gegenseitige Fingerzeigen hilfreich ist. Die Probleme in Griechenland sind komplex, und die permanente Vereinfachung der Debatte verhindert, dass ernsthaft darüber debattiert wird, was in Griechenland geschah und heute geschieht.

Wir können gerne darüber reden, ob das Spartempo in Griechenland am Anfang zu hoch war. Aber klar ist doch auch, dass ein Land, das über viele Jahre hinweg hohe Haushaltsdefizite und explodierende Schulden erzeugt hat, seine Ausgaben kürzen muss. Eine solche Sanierung muss einer Volkswirtschaft auch nicht zwangsläufig schaden. In anderen Ländern, in denen die Troika zu Besuch war, sinkt die Arbeitslosigkeit wieder, und die Wirtschaft wächst: in Spanien, Portugal, Irland.

Wenn ein Sanierungsplan überall funktioniert und in einem Land nicht, dann spricht viel dafür, dass das etwas mit dem Land zu tun hat. Griechenland war, ökonomisch betrachtet, im Jahr 2010 ein "gescheiterter Staat". Die Konsumausgaben waren überbordend, der Staatssektor war aufgebläht, die Steuerfahndung zahnlos. Diese Probleme verschlimmern die Misere bis heute, und die Verantwortung hierfür tragen die Griechen zuallererst selbst. Ihre hohen Wachstumsraten vor der Krise beruhten zu einem erheblichen Teil auf der Ausweitung der Staatsausgaben. Auch deshalb bricht die Wirtschaftsleistung jetzt so dramatisch ein, wenn der Staat spart.

Nun kann man lange darüber streiten, ob die Sparstrategie in Griechenland grundsätzlich richtig war. Ich persönlich hätte es besser gefunden, den Griechen schon früher einen Großteil ihrer Schulden zu erlassen. Dann hätten auch die Banken gezahlt, und die Bürger hätten weniger gelitten. Aber das wollte in der deutschen Politik niemand, und auch Ökonomen wie Du waren dagegen.

Stattdessen sind die Euro-Staaten mit immer neuen Hilfspaketen als Gläubiger für die griechischen Schulden eingesprungen. Es stimmt, dass hiervon im Moment die deutsche Wirtschaft profitiert – und zwar nicht so sehr wegen griechischer Zinszahlungen, sondern vor allem weil die Euro-Zone stabil bleibt. Aber alle wissen, dass Griechenland irgendwann einen Schuldenschnitt braucht. Dann werden die Euro-Staaten viel Geld aufbringen müssen, und dann ist endgültig klar, wer wen rettet.

Und noch eines zur deutschen Verantwortung: Die Euro-Zone hat 19 Mitglieder. Angela Merkel mag die Sparpolitik geprägt haben, getragen wurde sie von einem breiten Konsens. Vor allem die osteuropäischen und die baltischen Staaten haben in den Verhandlungen mit Griechenland für eine harte Linie plädiert. Der Wohlstand ist in einigen dieser Länder niedriger als in Griechenland, und die Politik muss den Bürgern bald erklären, warum sie für die griechischen Schulden aufkommen sollen. Niemand würde auf die Idee kommen, diesen Staaten die Schuld am Elend Griechenlands zu geben.

Alexis Tsipras hat bei seinem Besuch in Berlin etwas Wahres gesagt: Beide Seiten müssten jetzt daran arbeiten, die "schrecklichen Stereotype" zu überwinden. Es ist falsch, das Klischee des faulen Griechen zu bemühen. Aber genauso falsch ist das Gerede von den kaltherzigen Deutschen, die ein Land ins Elend gestürzt haben. Wir sollten damit endlich aufhören. Dein Philip

Lesen Sie hier den Text von Mark Schieritz.