Philip, ich kann Yanis Varoufakis und die Sache mit dem Stinkefinger gut verstehen. In der Griechenlanddebatte sind die Rollen klar verteilt: Auf der einen Seite die korrupten Griechen, die ihr Land in den Abgrund gewirtschaftet haben, auf der anderen Seite die großzügigen Deutschen, die Milliarden bereitstellen, um dem Land zu helfen.

Dabei hat die deutsche Rettungspolitik ganz erheblich zum wirtschaftlichen Niedergang in Griechenland beigetragen. Das fängt schon bei den Milliarden an, die angeblich in die Taschen griechischer Rentner und Arbeitnehmer fließen. Ein großer Teil des Geldes ist nie beim griechischen Staat angekommen, sondern wurde sofort weitergeleitet, um Banken und Versicherungen auszubezahlen, die griechische Staatsanleihen gekauft hatten – darunter auch deutsche Institute. Der griechische Staat nimmt wieder genug Geld ein, um den laufenden Betrieb zu finanzieren. Wenn jetzt neue Kredite benötigt werden, dann, um Schulden bei den internationalen Gläubigern – bei uns also – zu bedienen.

Unter dem Druck dieser Gläubiger wurde Griechenland zu Ausgabenkürzungen gezwungen, die in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte ohne Beispiel sind. Zwischen 2010 und 2014 ist das strukturelle Haushaltsdefizit nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) um fast 14 Prozentpunkte reduziert worden – das ist mehr als das Vierfache dessen, was in Deutschland in den Jahren nach der Agenda 2010 eingespart worden war. Angesichts einer solchen Rosskur ist es kein Wunder, dass Griechenland ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung verloren hat. Selbst der IWF räumt ein, dass er die Auswirkungen der Sparpolitik unterschätzt hat.

Keine Frage, die Griechen haben jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt. Einschnitte waren unumgänglich. Aber Angela Merkel ging es nicht in erster Linie darum, die griechische Wirtschaft zu sanieren. Sie wollte ein Exempel statuieren, weil die Bundesregierung fürchtete, dass sonst andere Länder in Europa die Hand aufhalten. Deshalb wurde Griechenland ein Reformprogramm aufgezwungen, das dem Land die Luft zum Atmen nahm. Als sich dann Hilfsprogramme für andere Staaten nicht mehr vermeiden ließen, mussten diese Staaten deutlich weniger sparen als die Griechen – weil die Bundesregierung inzwischen eingesehen hatte, dass sie es im Fall Griechenlands übertrieben hat.

Deutschland hat noch dazu am Elend der Griechen gut verdient. Athen muss die Hilfskredite mit Zinsen zurückzahlen, und die deutsche Wirtschaft profitiert davon, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen senkt und den Wechselkurs des Euro drückt, um die griechische Wirtschaft zu stützen. Deshalb können hiesige Firmen ihre Produkte preisgünstig auf dem Weltmarkt anbieten, während der Bund Milliarden an Zinsausgaben spart. Ich frage Dich: Wer rettet hier eigentlich wen?

In der deutschen Debatte ist viel von den "Hausaufgaben" die Rede, die die griechische Regierung noch zu erledigen habe und angeblich nicht erledigen wolle. Dass die Bundesregierung mitverantwortlich ist für die Lage in Griechenland, wird systematisch verschwiegen. Wir sind gut darin, mit dem Finger auf andere zu zeigen – es ist Zeit, dass jemand mit dem Finger auf uns zeigt. Dein Mark

Lesen Sie hier die Antwort von Philip Faigle.