Nachmittags, so heißt es, ziehe er die Krawatte schon mal aus. Es heißt auch, dass er noch nie auf einem großen Frachter gefahren sei und beim Jahresessen des deutschen Reederverbands gefehlt habe. Ein merkwürdiger Mann. Seine E-Mails unterschreibt er oft nur mit dem Vornamen: Rolf.

Der Nachname: Habben Jansen. Beruf: Hamburgs traditionsreichste Reederei retten, Pardon: führen. Hobby: für Verwunderung sorgen.

Zuletzt gelang ihm das mit einer Einladung: "Hapag-Lloyd Bilanzpressekonferenz". Der neue Vorstandschef wolle intensiv auf die Zahlen eingehen, einen Ausblick geben und sich allen Fragen stellen, heißt es in dem Schreiben. Das ist erstaunlich. Schließlich gab es im gesamten vergangenen Jahrzehnt zum Jahresergebnis nie eine Einladung, sondern lediglich eine E‑Mail an den Presseverteiler. Das war’s.

Noch erstaunlicher ist das, weil schon jetzt feststeht, dass die am Freitag vorgelegten Zahlen katastrophal sein werden. Bereits bis Oktober letzten Jahres hatte sich bei Hapag-Lloyd ein Minus von 224 Millionen Euro angehäuft. Das ist viermal so viel wie im gleichen Zeitraum 2013 – und doppelt so viel, wie Hamburg in diesem Jahr für Wohnungsbauförderung ausgeben will.


Um das mal festzuhalten: Eine Hamburger Reederei, die traditionell so offen und transparent ist wie die Bordwand eines Containerschiffs, lädt ausgerechnet jetzt, wo es richtig übel aussieht, in ihren verschlossenen Firmensitz, um der Welt zu verkünden, wie schlecht es ihr geht. Das ist eine kleine Revolution.

Eine, die längst überfällig war. Denn die Reederei, deren wuchtiger Hauptsitz einen Gutteil des Hamburger Ballindamms beansprucht, gehört zu knapp einem Viertel der Stadt. Ihr Schicksal geht die Hamburger genauso viel an wie Radwege oder Inklusionsklassen.

Deshalb ist Hapag-Lloyds neu entdeckte Offenheit ein Glücksfall. Weil Deutschlands größte Reederei zum Vorbild werden könnte. Zum Vorbild werden sollte. Für einen Wirtschaftszweig, der so traditionsreich ist wie kein anderer in Hamburg. Und so verschlossen.

Nirgends sonst auf der Welt gibt es so viele Reedereien wie hier. Allein 120 deutsche Firmen sitzen in der Stadt, hinzu kommen ausländische Niederlassungen. Viele Tausend Hamburger arbeiten in den Reedereien oder für sie – bei Banken, Versicherungen, Speditionen und Werften. Kein anderes Gewerbe steht so sehr für diese Stadt.

Doch während die Hamburger wissen, was ihr Bürgermeister verdient, nachschauen können, in welchem Jahr der Baum vor ihrem Fenster gepflanzt wurde, und mit einem Klick ins Hamburger Transparenzportal kiloweise Dokumente zur Elbphilharmonie bekommen, erfahren sie über diese so urhanseatischen Unternehmen bisher so gut wie nichts.

Das liegt vor allem daran, dass hinter den meisten Reedereien eben nicht wie bei Hapag-Lloyd die Stadt steht, sondern traditionsbewusste Familien, die weder die Lust noch die Pflicht haben, sich Außenstehenden zu öffnen.

Vor der Krise, als sie für ihre Schiffe beinahe so viel Charter verlangen konnten, wie sie wollten, schwiegen sie. Weil man Geld hatte – und nicht darüber sprach. Jetzt, da viele Reeder zu Bittstellern geworden sind, verstecken sie sich hinter dunkelblauen Zweireihern mit Goldknöpfen, um die Fassade aufrechtzuerhalten.

Der Branche geht es miserabel, seit Jahren schon. Experten glauben, dass langfristig nur ein Bruchteil der Reedereien überlebt. Noch immer gibt es zu viele Schiffe, sind die Preise, zu denen sie vermietet werden, zu niedrig. Das trifft besonders die kleinen und mittelgroßen Firmen, die im Gegensatz zu Linienreedern wie Hapag-Lloyd oder Hamburg Süd keine festen Routen befahren, sondern lediglich ihre Schiffe vermieten. Diese finanzierten sie oft mit sehr wenig eigenem Geld. Das rächt sich nun. Sie gehen pleite, werden übernommen oder fusionieren. Meist ganz im Stillen.

Geredet wird, wenn überhaupt, über den schwierigen Markt, den unfairen Wettbewerb. Zu sagen, dass die anderen schuld seien, ist ein reedertypischer Reflex. Mal über eigene Fehler sprechen? Ungern.