"Wenn Sie Flügel haben, fliegen Sie" – Seite 1

Es gibt ein Blau des Himmels, das wider alle Vernunft den Eindruck erweckt, im Leben könne nichts Böses passieren, man möchte es das Kinderblau nennen. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn Palmen vor dem Blau wedeln und Fontänen ausgelassen wie Welpen in die Sonne hochspringen, in diesem Sinne ist das Zentrum des Mittelmeer-Städtchens Antibes ein Ort des Übermuts. "Wir treffen uns an der Place de Gaulle", hatte Henning Mankell gesagt, "ich hole Sie ab."

Da ist er. Wie leicht hätte man ihn übersehen können. Ein älterer Herr, weißhaarig und mit einer von den Jahren weichgespülten Silhouette, gerundet wie so viele der alten Herren hier. Mankell übersieht einen nicht. Er taucht auf, hebt den Arm, winkt. Sechs Jahre lang haben wir uns nicht gesehen, er sagt: "Nun – sehe ich krank aus?"

Vor einem Jahr erhielt der schwedische Autor Henning Mankell eine niederschmetternde Krebsdiagnose. Wir treffen uns, um darüber zu reden, wie das sein Leben und Denken verändert hat in diesem langen Jahr – "ein Jahr und zwei Monate", wird er präzisieren, als wir in seinem kleinen Haus sitzen, das sich im Altstadt-Gewimmel versteckt, hinter einer hohen Mauer.

DIE ZEIT: Wie leben Sie Ihre Tage, hier in Antibes?

Henning Mankell: Ich stehe früh auf und gehe spät zu Bett. Ich wache auf und gehe raus und kaufe mir die Zeitungen, Nice Matin und irgendeine andere. Dann gehe ich wieder nach Hause und arbeite, im Augenblick lese ich die Fahne meines neuen Buches. Ich spaziere zum Hafen, ich gehe bis zum Leuchtturm oder auf die Festung. Jeden Mittag esse ich im selben Bistro, dann halte ich ein Nickerchen. Es ist ein sehr undramatisches Leben, es ist nicht so, dass ich jeden Morgen aufschrecke und denke: O Gott, ich habe diese tödliche Krankheit. Das Drama meines Lebens spielt sich hier oben ab (zeigt auf seinen Kopf).

ZEIT: Als die Diagnose kam, fühlte es sich vermutlich wie eine Tragödie an.

Mankell: Ja. Es war hier in Antibes, dass ich mit einem Schmerz am Hals aufwachte, ich dachte, es sei ein steifer Nacken. Mein Arzt in Schweden tippte auf Bandscheibe, dann zeigte eine Röntgenaufnahme, dass es ein Geschwulst war, die Metastase eines Tumors in der Lunge. Das Vagabundenleben, das ich führte, war zu Ende. Ich musste mir eine neue Normalität erschaffen, die der Tatsache Rechnung trägt, dass ich in der Nähe eines Krankenhauses sein muss, aber vor allem, dass mein Leben kürzer als erwartet sein wird. Ich dachte sofort an meinen Freund Christoph Schlingensief, der an exakt derselben Krankheit gestorben ist, aber auch vorher noch arbeitete, wie ich es auch vorhabe. Er war mein Freund, und dann war er sterbenskrank und starb. Ich werde an dieser Krankheit sterben, aber eben auch noch nicht jetzt.

ZEIT: Wie Schlingensief haben Sie sich in Afrika engagiert, wo der Tod allgegenwärtig ist, Sie haben in Maputo Jahre lang ein Theater geleitet, eines Ihrer Bücher, Der Chronist der Winde, spricht mit der Stimme eines Kindes, das neun Tage lang tödlich verletzt auf einem Dach liegt und langsam stirbt.

Mankell: In Afrika ist der Tod ein Teil des Lebens. Die Europäer haben Leben und Tod getrennt. Es ist Furcht einflößend, wie unsere Kultur ein Mysterium um den Tod macht. Ich halte das für eine Schwäche der europäischen Kultur. In Afrika konnte ich sehen, wie man vernünftig mit dem Tod umgeht. Deshalb habe ich keine Angst vor dem Tod.

ZEIT: Kein bisschen Angst?

Mankell: Naaaa. Ich bin 67 Jahre alt. Ich habe ein längeres Leben gehabt, als es sich die meisten Menschen auf dieser Welt erträumen können. Es war ein fantastisches Leben. Ich bin am Ende meines Weges angekommen. Nein, ich habe nur eine Furcht, und sie ist ganz merkwürdig: davor, dass ich so lange tot sein werde. Das ist albern, man fühlt ja nichts, wenn man tot ist. Aber ich werde Millionen von Jahren tot sein, was ziemlich lange ist.

ZEIT: Es gab uns auch vor unserem Leben lange nicht. "Unser kleines Leben ist umhüllt von Schlaf", sagt Prospero in Shakespeares Sturm.

Mankell: Das wissen wir aber nicht, wenn wir geboren werden. Jetzt weiß ich, dass ich danach lange nicht existieren werde. Haben Sie davor Angst? Sie müssen nicht antworten.

ZEIT: Das Leben zwischen diesen beiden Ewigkeiten wirkt jedenfalls sehr klein. Wie fühlen sich Ihre 67 Jahre an?

Mankell: Schrecklich kurz. Jeder Tag hat nur 24 Stunden, die 25. Stunde werden Sie nie finden. Das Einzige, was bleibt, ist, von Tag zu Tag zu entscheiden, was man nicht tun will.

ZEIT: Schon mit 16 Jahren wussten Sie, was Sie nicht wollten. Zur Schule gehen!

Mankell: Ja. Keine Ahnung, was mein Vater dachte, als ich ihm mitteilte, ich hätte die Schule verlassen und würde nach Paris gehen. Er schwieg lange, dann sagte er: "Nun, dann werde ich dich wohl unterstützen müssen." Dafür liebe ich ihn noch heute. Er war Richter und klug genug, zu verstehen, dass ich es durchziehen würde. Leider starb er, bevor mein erstes Buch rauskam. Aber ich glaube, er verstand, dass ich es schaffen würde.

ZEIT: Er vertraute auf Ihre Hartnäckigkeit?

Mankell: Auf mein Talent! Nicht ich, er hatte verstanden, dass ich Talent habe. Ich konnte dann mit 19 Jahren mein erstes Theaterstück inszenieren, ich war so jung, dass ich noch nicht einmal Wein für die Premiere kaufen durfte. So ging immer alles glatt, nie wurde ich in meinem Leben zurückgewiesen.

"Afrika wird es schaffen"

ZEIT: Ihre Mutter ging fort, als Sie klein waren. Viele Kinder erleben das als Zurückweisung.

Mankell: O ja. Als sie ging, war ich ein Nichts. Und fühlte mich so. Aber jetzt fühle ich es nicht mehr.

ZEIT: Was ließ Sie über das Gefühl hinauswachsen?

Mankell: Ich traf meine Mutter einmal, als ich 15 Jahre alt war. Es war das Jahr, bevor ich die Schule schmiss. Ich traf sie in einem Restaurant in Stockholm. Ich sah sie, wie sie da saß, ich hatte Fotos von ihr gesehen. Wir sehen uns sehr ähnlich, wir haben das gleiche Haar, das gleiche Gesicht, ich ging auf sie zu, und sie sagte: "Komm nicht zu nahe, ich bin erkältet." Das war’s. Als sie starb, ging ich nicht zu ihrer Beerdigung. Ich ging einfach nicht hin.

ZEIT: Sind Sie aus dieser Kindheit verletzt oder gestärkt herausgekommen?

Mankell: Verletzt. Aber ich konnte das in eine Art von Stärke verwandeln. Wie? Keine Ahnung. Aber ich habe alle Frauen, mit denen ich lebte, gefragt, ob sie von meiner Seite einen Wunsch nach Bemutterung spürten, und alles sagten: Nein, nie!

ZEIT: Sie sind ein Mann, der unermüdlich hart arbeitet, enorm erfolgreich ist, bescheiden lebt und immerzu Gutes tun will. Woher kommt das bloß?

Mankell: Luther und Calvin. Ein bisschen von beiden. Ich meine, ich möchte die Welt ein bisschen besser zurücklassen, als ich sie vorfand.

ZEIT: Also auch ehrgeizig. Wie blicken Sie heute auf Ihr Projekt zurück? Etwa auf das arme Afrika?

Mankell: Afrika wird es schaffen. Wenn ich die Chance hätte, in 50 Jahren zurückzuschauen, würde ich vermutlich einen blühenden Kontinent sehen. Das Schlimmste ist vorbei. Es gibt dort heute weniger Diktatoren als je zuvor. Ich bin nicht so optimistisch, was China angeht oder Amerika oder Russland, wir haben keine Ahnung, was die Chinesen wollen oder die Russen denken, aber Afrika – es gibt enorme Verbesserungen.

ZEIT: Ihr Kollege Per Olov Enquist hat einmal gesagt: "Eines Tages sterben wir, aber davor leben wir viele Tage" – wäre es nicht an der Zeit, einige dieser Tage nur zu genießen? Nichts zu tun? Aufs Meer zu schauen?

Mankell: P O hat es anders gesagt – so: Eines Tages werden wir sterben, aber all die anderen Tage werden wir am Leben sein.

ZEIT: Mögen Sie diesen Satz?

Mankell: Ich mag ihn, aber es ist nicht mein Satz. Das wäre eher: "Mach dir im Leben nicht so viele Sorgen, du kommst da nicht lebend raus."

ZEIT: Warum also nicht etwas Müßiggang? Wäre das Sünde?

Mankell: Die zentrale kreative Kraft meines Lebens ist die Arbeit. Es ist so. Wenn Sie Flügel haben, fliegen Sie.

ZEIT: Ein leichtes Bild. Aber es täuscht, oder?

Mankell: Ora et labora.

ZEIT: Sie beten aber nicht. Schon ihr Vater legt Wert darauf, die Kinder von der Religion fernzuhalten. Womit haben Sie das Religiöse ersetzt?

Mankell: Mit der Suche nach Wissen. Ich lese sehr viel, um die Welt im tieferen Sinne zu durchdringen. Anthropologie, Paläontologie. Das tue ich seit meinem 20. Lebensjahr. Ich denke darüber nach, was möglich ist, wie alles begann, wie es enden wird. Ich erkenne, dass in der Dunkelheit eine Bedeutung liegt. Wir kommen aus dem Dunkel, wir gehen in das Dunkel. Das ist das Leben. Wenn ich höre, dass die Leute forschen, um das Leben ins Unendliche zu verlängern, habe ich dafür kein Verständnis. Das Fantastische am Leben ist doch, dass es endet.

ZEIT: Was sollte daran fantastisch sein?

Mankell: Das Leben hat ein Ende. Es gibt kein Zurück, nie. Nicht eine Stunde. Ich denke an all die Menschen, die vor uns gegangen sind. Wenn Sie 500 Jahre zurückgehen, wie viele dieser Menschen kennen wir? So wenige. Die absolute Mehrheit der Menschen, die vor uns gelebt haben, ist vergessen. Sie kamen aus dem Dunkel, lebten, gingen zurück in das Dunkel. So wird es uns auch gehen.

ZEIT: Ihre Chancen, erinnert zu werden, stehen natürlich gut, mit Millionen verkaufter Bücher!

Mankell: Das ist unwichtig. Überlegen Sie, wer aus unserer Zeit in 500 Jahren noch bekannt sein wird. Einstein. Wahrscheinlich. Gandhi, weil er etwas Neues dachte. An das Böse werden sich die Menschen natürlich erinnern, an Stalin und Hitler.

ZEIT: Vergessen Sie nicht das Cinquecento, die Renaissance-Maler oder die Musik.

Mankell: Bach wird bleiben! Aber aus unserer Zeit?

ZEIT: Möchten Sie für Ihre Figur des Wallander erinnert werden? Oder für Ihr Engagement in Afrika?

Mankell: Darüber will ich lieber nicht spekulieren. Ich wäre ja auch nicht da, um es zu bemerken. Sie leben, Sie arbeiten, man sollte dabei nur den Rückspiegel im Auge behalten, wie beim Autofahren.

ZEIT: Welche Bilder zeigt Ihr Rückspiegel?

Mankell: Etwa die Höhlenmalerei, die erste Kunst, vor 40.000 Jahren. Was wollten uns diese Menschen sagen? Vor zwei Tagen hörte ich etwas ganz Wundervolles. Im Rijksmuseum in Amsterdam haben Menschen, die auf den Tod krank sind, die Gelegenheit, noch einmal in das Museum zu kommen, so sie es denn wünschen. Sie können sich noch einmal ein Gemälde ansehen, was ihnen viel bedeutet. Ein Mann, der erst 50 war, sagte, es sei nun leicht für ihn zu sterben. Was hatte er gesehen? Das letzte Selbstporträt von Rembrandt, der Künstler als alter Mann. Keine Ahnung, warum ich Ihnen das erzähle. Aber es sagt mir etwas. Was? Dass ich mich vor dem Sterben nicht fürchten muss. Man geht über in etwas anderes. In meinem Fall: in die Dunkelheit, für religiöse Menschen das Paradies, was auch immer. Wir gehen in verschiedene Richtungen, aber wir gehen.

"Wenn man tot ist, vermisst man nichts"

ZEIT: Finden Sie es tröstlich, dass der Tod alle Menschen trifft?

Mankell: Es trifft sogar die kleinen Wesen da draußen im Garten. Darüber denke ich viel nach, gerade jetzt im Frühling, wo die Amseln kommen, sie singen so wunderbar, und ich denke: Ist es dieselbe Amsel wie letztes Jahr? Ein Bruder? Ihr Kind? Vielleicht sind die Eltern dieses Vogels tot, aber da ist so ein merkwürdiger Chor von Leben und Tod.

ZEIT: Gibt es in Ihnen doch, irgendwo versteckt, eine kleine Hoffnung, dass etwas weitergeht?

Mankell: Nein. Nie. Wenn man tot ist, ist man tot. Ich denke eher: Was werde ich vermissen? Offensichtlich gar nichts. Wenn man tot ist, vermisst man nichts. Aber jetzt, wo ich noch lebe, denke ich oft an Bach, der einmal nach Hause kam, und seine Frau und zwei seiner Kinder waren gestorben, und er schrieb: Gott, du kannst mir alles nehmen, aber nimm mir nicht die Freude zu komponieren. Das ist für mich Bach. Er machte weiter. Wie Luther war Bach ein Mann, der die Erotik liebte, und auch für mich ist die Erotik die wahre Freude des Lebens. Es ist das Wundervollste des Lebens. Unvergleichlich.

ZEIT: Mehr als das Schreiben?

Mankell: Schreiben ist die Nummer zwei. Erotik ist fundamental. Wie können Menschen nur etwas anderes sagen? Die Biologie scheißt darauf, was ich schreibe, aber sie will, dass ich ein Kind zeuge.

ZEIT: Es gibt sicher auch Momente der Verzweiflung. Wie begegnen Sie ihnen?

Mankell: Ich gehe zu meinem Manuskript. Oder nehme mir ein Buch. Wenn die Agonie kommt, lese ich und verschwinde einfach in einem Buch. Egal, in welchem. Es kann ein Buch sein, das ich schon zehnmal gelesen habe. Lesen beruhigt mich besser als eine Pille. Bücher sind meine Kathedralen.

ZEIT: Ihre Ärzte haben Ihnen mit der Chemotherapie "Atempause" versprochen, in ihr haben Sie sich eingerichtet. Wie fühlt sie sich an?

Mankell: Wie Sicherheit.

ZEIT: Sind Sie sich je in dieser Krankheit abhandengekommen? Oder wurden Sie eher zurückgeworfen auf das, was Sie sind?

Mankell: Es ist offensichtlich, dass sie mich zu etwas brachte, was mich ausmacht. Ich erinnere mich an den ersten Tag, als ich die Diagnose bekam und die Ernsthaftigkeit verstand. Ich war von Agonie erfüllt, aber ich wusste, wie ich damit umzugehen hatte. Ich verstand, ich musste ihr begegnen mit den Erfahrungen und Gedanken und der Kraft, die ich in meinem früheren Leben angesammelt hatte.

ZEIT: Kraft! Die meisten würden Krankheit mit Schwäche assoziieren.

Mankell: In diesen ersten Wochen und in dem ganzen vergangenen Jahr habe ich ein Mal geweint. Vielleicht fünf Minuten lang.

ZEIT: Sie haben vielen Figuren in Ihren Romanen Tode zugedacht, die seltsam, bizarr, schmerzhaft waren. Würden Sie das heute noch tun?

Mankell: Vielleicht nicht. Oder doch. Ich stimme Ihnen zu, dass viele Seiten sehr schwierig zu schreiben waren. Aber Sie müssen sie genau so schreiben, um glaubwürdig zu sein. Wenn ich das, was ich schrieb, in Beziehung setze zu der Welt, in der es sich ereignet, würde ich sagen, die Welt ist heute brutaler, als sie es vor 15 oder 20 Jahren war.

ZEIT: Oh, Sie waren doch eben noch Optimist?

Mankell: Nun, wir leben in einer irrationalen Welt, in einem ökonomisch ungerechten System, es gibt Hunger und Armut, aber ich glaube daran, dass sich das ändern lässt.

ZEIT: Und wenn die Leute das naiv fänden?

Mankell: Ich nenne es weise.

Später wird er mich am Arm durch das Gewimmel der Altstadt dirigieren, vorbei am Markt, auf dem schwarze Seeigel angeboten werden, so stachelig wie jene, die Picasso vor einem halben Jahrhundert malte, als er für wenige Monate im Schloss von Antibes Zuflucht fand, diese Stillleben kann man heute dort bewundern. Eine alte Frau trägt eine alte Katze zärtlich spazieren. Morgen wird Mankell abreisen, nach Göteborg, in die Klinik. Die Bestrahlungen beginnen.