ZEIT: Finden Sie es tröstlich, dass der Tod alle Menschen trifft?

Mankell: Es trifft sogar die kleinen Wesen da draußen im Garten. Darüber denke ich viel nach, gerade jetzt im Frühling, wo die Amseln kommen, sie singen so wunderbar, und ich denke: Ist es dieselbe Amsel wie letztes Jahr? Ein Bruder? Ihr Kind? Vielleicht sind die Eltern dieses Vogels tot, aber da ist so ein merkwürdiger Chor von Leben und Tod.

ZEIT: Gibt es in Ihnen doch, irgendwo versteckt, eine kleine Hoffnung, dass etwas weitergeht?

Mankell: Nein. Nie. Wenn man tot ist, ist man tot. Ich denke eher: Was werde ich vermissen? Offensichtlich gar nichts. Wenn man tot ist, vermisst man nichts. Aber jetzt, wo ich noch lebe, denke ich oft an Bach, der einmal nach Hause kam, und seine Frau und zwei seiner Kinder waren gestorben, und er schrieb: Gott, du kannst mir alles nehmen, aber nimm mir nicht die Freude zu komponieren. Das ist für mich Bach. Er machte weiter. Wie Luther war Bach ein Mann, der die Erotik liebte, und auch für mich ist die Erotik die wahre Freude des Lebens. Es ist das Wundervollste des Lebens. Unvergleichlich.

ZEIT: Mehr als das Schreiben?

Mankell: Schreiben ist die Nummer zwei. Erotik ist fundamental. Wie können Menschen nur etwas anderes sagen? Die Biologie scheißt darauf, was ich schreibe, aber sie will, dass ich ein Kind zeuge.

ZEIT: Es gibt sicher auch Momente der Verzweiflung. Wie begegnen Sie ihnen?

Mankell: Ich gehe zu meinem Manuskript. Oder nehme mir ein Buch. Wenn die Agonie kommt, lese ich und verschwinde einfach in einem Buch. Egal, in welchem. Es kann ein Buch sein, das ich schon zehnmal gelesen habe. Lesen beruhigt mich besser als eine Pille. Bücher sind meine Kathedralen.

ZEIT: Ihre Ärzte haben Ihnen mit der Chemotherapie "Atempause" versprochen, in ihr haben Sie sich eingerichtet. Wie fühlt sie sich an?

Mankell: Wie Sicherheit.

ZEIT: Sind Sie sich je in dieser Krankheit abhandengekommen? Oder wurden Sie eher zurückgeworfen auf das, was Sie sind?

Mankell: Es ist offensichtlich, dass sie mich zu etwas brachte, was mich ausmacht. Ich erinnere mich an den ersten Tag, als ich die Diagnose bekam und die Ernsthaftigkeit verstand. Ich war von Agonie erfüllt, aber ich wusste, wie ich damit umzugehen hatte. Ich verstand, ich musste ihr begegnen mit den Erfahrungen und Gedanken und der Kraft, die ich in meinem früheren Leben angesammelt hatte.

ZEIT: Kraft! Die meisten würden Krankheit mit Schwäche assoziieren.

Mankell: In diesen ersten Wochen und in dem ganzen vergangenen Jahr habe ich ein Mal geweint. Vielleicht fünf Minuten lang.

ZEIT: Sie haben vielen Figuren in Ihren Romanen Tode zugedacht, die seltsam, bizarr, schmerzhaft waren. Würden Sie das heute noch tun?

Mankell: Vielleicht nicht. Oder doch. Ich stimme Ihnen zu, dass viele Seiten sehr schwierig zu schreiben waren. Aber Sie müssen sie genau so schreiben, um glaubwürdig zu sein. Wenn ich das, was ich schrieb, in Beziehung setze zu der Welt, in der es sich ereignet, würde ich sagen, die Welt ist heute brutaler, als sie es vor 15 oder 20 Jahren war.

ZEIT: Oh, Sie waren doch eben noch Optimist?

Mankell: Nun, wir leben in einer irrationalen Welt, in einem ökonomisch ungerechten System, es gibt Hunger und Armut, aber ich glaube daran, dass sich das ändern lässt.

ZEIT: Und wenn die Leute das naiv fänden?

Mankell: Ich nenne es weise.

Später wird er mich am Arm durch das Gewimmel der Altstadt dirigieren, vorbei am Markt, auf dem schwarze Seeigel angeboten werden, so stachelig wie jene, die Picasso vor einem halben Jahrhundert malte, als er für wenige Monate im Schloss von Antibes Zuflucht fand, diese Stillleben kann man heute dort bewundern. Eine alte Frau trägt eine alte Katze zärtlich spazieren. Morgen wird Mankell abreisen, nach Göteborg, in die Klinik. Die Bestrahlungen beginnen.