Für Alessandro Urzì lauert die Bedrohung in den Tälern, in den kleinen Orten Südtirols. Dort, wo der Staat nur noch präsent sei in Form von leer stehenden Kasernen und Zollämtern. Wo seit ein paar Jahren ein immer heftiger werdender antiitalienischer Diskurs herrsche.

Der 48-jährige Urzì ist Landtagsabgeordneter und Vorsitzender der italienischsprachigen Südtiroler Rechtspartei Alto Adige nel cuore (Südtirol im Herzen). Er verirrt sich nur selten in die abgelegenen Bergregionen des Landes. Der frühere Journalist lebt und arbeitet in Bozen, der italienisch dominierten Hauptstadt. Sein Befund: "In Südtirol braucht man das Italienische nicht mehr." Die schleichende Entwicklung produziere aber keinen Identitätskonflikt der italienischen Bevölkerung, "sie annulliert die italienische Identität". Urzì sieht das italienische in Südtirol bedroht, erdrückt von der deutschsprachigen Mehrheit.

Die autonome Provinz Bozen ist keine 100 Jahre Teil Italiens. Österreich versteht sich noch immer als Schutzmacht der deutsch- und ladinischsprachigen Bürger. Wenn die Tiroler Landesregierung in Innsbruck zusammentritt, ist bis heute der erste Punkt der Tagesordnung "Südtirol". Gerne erinnern österreichische Politiker vor allem von ÖVP und FPÖ in emotionalen Reden daran, wie der südliche Teil Tirols von Österreich losgerissen wurde, sie sprechen von der "Unrechtsgrenze am Brenner", vom Martyrium der deutschsprachigen Bevölkerung und vom "Herzensanliegen Südtirol". Natürlich schlägt ihr Herz nicht für alle Südtiroler. Italiener sind dabei ausgenommen.

Dabei hätten die Wirtschaftskrise und die marode Situation des italienischen Staates zu einem Umdenken unter den Italienern geführt, sagt Alberto Stenico, pensionierter Gewerkschafter und Mitglied der Genossenschaftsbewegung. Italien habe an Attraktivität verloren, die deutsche Art sei anziehend geworden. Das mache es leichter, sich mit dem mehrheitlich deutschsprachigen Südtirol zu identifizieren. "Viele sind froh, dass hier alles in deutscher Hand ist. Sie denken, wir stünden sonst schlechter da", sagt Stenico.

Die Italiener in Südtirol assimilieren sich zusehends.

Ihre Situation sei paradox, sagt der Abgeordnete Urzì. Rechtlich gesehen gehören sie der gesamtstaatlichen Mehrheit an. In der Praxis der Region sind sie aber eine Minderheit und abhängig von den Entscheidungen der lokalen deutschen Mehrheit. Die Italiener hätten aufgehört zu kämpfen, sagt er, "und wenn sie nicht aufpassen, verschwinden sie".

Selbst mit der Autonomie, die sie früher vehement ablehnten und die der Region seit 1972 umfangreiche Sonderrechte innerhalb Italiens einräumt, können sie sich mittlerweile anfreunden. Die Deutschen gehen derweil noch weiter, ein Teil von ihnen strebt den Freistaat an oder gar die Rückkehr zu Österreich – laut einer Umfrage würden 89 Prozent der Österreicher eine solche begrüßen.

Die Ablehnung des italienischen Staates ist in Südtirol wieder salonfähig geworden. Die Entwicklung bleibt dem übrigen Land nicht verborgen. Als im Sommer 2013 beschlossen wurde, Berghütten nur noch deutsche Namen zu geben, schrieb die Mailänder Tageszeitung Il Giornale: "In diesem fantastischen Stück Italiens wird es jeden Tag heldenhafter, italienisch zu sein."

Vom Ende des Ersten Weltkriegs bis 1961, dem Jahr der Feuernacht, am Höhepunkt des Südtirolterrorismus, hatte sich die italienische Bevölkerung in Südtirol fast verzwölffacht. Danach ging ihre Zahl stetig zurück. 34,3 Prozent der Bevölkerung waren Anfang der 1960er Jahre italienischsprachig. 50 Jahre später sind es mehr als zehn Prozentpunkte weniger. Nach den Landtagswahlen 2013 sank die Zahl der gewählten italienisch deklarierten Abgeordneten von acht auf fünf, ein Siebtel der Mandatare bei einem knappen Viertel der Bevölkerung.

Der Landtag in Bozen sei ein deutsches Haus geworden, sagt die grüne Abgeordnete Brigitte Foppa, die mit einem Italiener verheiratet ist und deren Kinder zweisprachig aufwachsen. Das zeigten nicht nur die Debatten, die dort geführt werden. So stellen Parteien wie die Süd-Tiroler Freiheit, deren Ziel die Loslösung von Italien ist, merkwürdige Fragen in den Raum: Wäre es nicht besser, wenn die Internetdomain des Landes auf .eu endete statt wie bisher auf .it, oder sollen Südtiroler Sportler bei internationalen Wettbewerben neutrale Bekleidung tragen anstatt italienischer Trikots? "Ich habe das Gefühl, als ob es die Italiener nicht mehr gibt", sagt Foppa.

Während die Deutschen eine "Mehrheit mit Minderheitskomplex" seien, leide die Minderheit der Italiener an einem "Minderwertigkeitskomplex", findet der parteilose Senator Francesco Palermo im Hunderte Kilometer entfernten Rom. In Bozen aufgewachsen, kennt er noch Zeiten, in denen Bars ethnisch getrennt waren. Mittlerweile hätten sich die italienischsprachigen Südtiroler "mit einer gewissen Hierarchie abgefunden", sagt er. Das sei zwar nicht gut, aber immer noch besser als ständiger Konflikt.

Das frühere Gegen- und spätere Nebeneinander der Sprachgruppen sei vielerorts zu einem Ohneeinander geworden, findet Aldo Mazza, ein gebürtiger Kalabrese. Vor 25 Jahren hat der ehemalige Italienischlehrer mit der schwarzen Rundbrille das Übersetzungsbüro und den Verlag Alphabeta gegründet, die interkulturelle Kommunikation fördern wollen.