Multifunktionshalle, 12.000 Besucher. Mindestens. Er wird auf die Bühne kommen, mit Glitzersakko, Zöpfchen, Brillantstecker im Ohr.

Kurze Verneigung.

Und dann: Schnips, schnips, schnips. Die Rechte, lässig in Hüfthöhe gehalten, schnalzt den Rhythmus ins Publikum. Auftritt James Last, 85, der erfolgreichste Bandleader aller Zeiten.

Er schüttelt Unterhaltung aus dem Handgelenk. Immer cool, immer Understatement. Vielleicht rasten sie gerade deshalb aus bei seinen Konzerten, in Melbourne genauso wie in München, in London wie in Lüneburg. Schwenken Fahnen und wedeln mit Regenschirmen und rotten sich spontan zu Paartanzgruppen zusammen, Flashmobs des Foxtrotts und Cha-Cha-Chas.

Es sind dies auch die Leute, die ziemlich genau wissen, wann ein Song Swing hat, weil sie mit Swing aufgewachsen sind, in der Nachkriegszeit. Wenig später hat Last angefangen mit dem sogenannten Happy Sound.


Happy Sound. Man könnte sagen: ein vertonter Flokati. Flauschig, hell, und alles bleibt drin hängen, jedes Genre, von Volkslied bis Rap, Klassik bis Heavy Metal. Man könnte aber auch sagen: James Last hat eine Universalsprache geschaffen, ein Pop-Esperanto, das jeder versteht, unabhängig von Nationalität und Alter, kulturellem Background oder sozialem Status. Bläser rattern, die Gitarren fräsen einen Rhythmus ins Streichergeschäume, und der Bass schiebt mächtig untenrum – fertig ist ein Stil, der keiner ist und sich doch projizieren lässt auf alle Sparten der Musik. Dieses Jahr stehen Bach und Beethoven, Katy Perry und Beyoncé auf dem Programm.

Es ist eine schöne Pointe der Popgeschichte, dass Hans Last, so sein bürgerlicher Name, diesen Stil in Hamburg erfunden hat. Er war hier angestellt, Pianist und Arrangeur beim Norddeutschen Rundfunkorchester, Anfang der sechziger Jahre. Eigentlich ein Traumjob, Berufung auf Lebenszeit, aber wenn man ihn danach fragt, dann klingt er richtig gereizt: "Schrecklich! Jeden Tag dasselbe. Morgens um zehn antreten, zwei Titel proben. Mittagessen. Zwei Titel aufnehmen. Von Montag bis Freitag. Und wieder von vorne."

Das war ihm zu wenig, er war ja Jazzer, er verehrte Benny Goodman und hatte in den Clubs der amerikanischen GIs am Bass gestanden. Und er war neugierig auf das, was sich in England und Amerika zusammenbraute, die Beatles fingen an, die Stones. Und dieser Elvis, der so vulgär mit den Hüften wackeln und dabei juchzen und schmachten konnte mit seiner Stimme, dass nicht nur Frauen ihre Kinderstube vergaßen. "Rock ist Mist, haben meine Kollegen damals gesagt." Kurze Pause, ungefähr so lange, wie er braucht, um seiner Bläsersektion das Zeichen zum Angriff zu geben. "Nur dass sich der Mist erstaunlich gut gehalten hat."

Also hat er den Mist aufgenommen, für Polydor, die Hamburger Plattenfirma, die reich wurde mit ihm in den Siebzigern. Über die Hälfe des Gesamtumsatzes soll er phasenweise eingespielt haben. "Und auf einmal hörten die Leute in Langenhorn in ihren Partykellern heimlich die Stones", sagt Last. Die Vorstellung amüsiert ihn selber – dass zwischen Bambustheke und Fotodekor seine Coverversion von I Can’t Get No Satisfaction lief. Erst einen Eierlikör und dann Sympathy For The Devil, das war der Schulterschluss von Generationen und Milieus. Westdeutsche Biederkeit traf auf Hippietum und Poprevolte, und Eltern hörten dieselbe Musik wie ihre Kinder, nur eben ohne Text.

Man kann die Übersetzungsleistung von Gegenkultur in den bürgerlichen Mainstream gar nicht hoch genug einschätzen, und wenn die Kritiker bis heute "Fahrstuhlgedudel" meckern oder seinen Sound als "Quieken glücklicher Schweine" (Süddeutsche Zeitung) abtun, dann haben sie nicht begriffen, dass Last das Tor zur Welt war für ein von Marschmusik und Teutonen-Folklore geschleiftes Nachkriegsdeutschland.