Es gibt Menschen, die kämpfen ihr Leben lang: In der Geschichte der BRD gibt es kaum einen engagierteren Politkünstler als Klaus Staeck. Der 1938 in Pulsnitz geborene, mit 18 Jahren aus der DDR in den Westen geflüchtete Staeck studierte Jura, wurde nach dem Studium aber Künstler und zugleich Verleger für Grafiken. Über zweihundert Editionen hat er allein von Joseph Beuys verlegt, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Staecks eigene Kunst ist politisch-satirisch, berühmt wurde der vierfache Documenta-Teilnehmer mit Plakaten wie "Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen". Seit 2006 ist Staeck Präsident der Berliner Akademie der Künste; vor seinem Abschied aus dem Amt zeigt er an deren Sitz am Hanseatenweg noch bis zum 7. Juni seine Sammlung mit Arbeiten von Gerhard Richter bis Neo Rauch.

DIE ZEIT: 1970 haben Sie zusammen mit Joseph Beuys gegen die große Mutter aller Kunstmessen in Köln protestiert. Sie klopften mit Schlüsseln gegen die verschlossenen Glastüren der Messe ...

DIE ZEIT: "Wir betreten den Kunstmarkt" nannten wir das.

ZEIT: Was war Ihr Anliegen?

Staeck: Der Kölner Kunstmarkt war 1967 von Hein Stünke und Rudolf Zwirner und 22 Galerien gegründet worden – eine gute Idee, vor allem eine gute Geschäftsidee. Die Gründer wollten aber unter sich bleiben und das Geschäft nicht mit anderen teilen. Ich war immer ein Kämpfer für Öffentlichkeit, für freien Zugang zu allen Bereichen der Gesellschaft. Mir schwebte eine Kunstmesse nach Art der Frankfurter Buchmesse vor, bei der jeder einen Stand haben kann, der die Miete dafür bezahlt.

ZEIT: Sie waren gegen die Exklusivität.

Staeck: Das ist das richtige Wort. Denn ich wollte dort auch meine Editionen anbieten. Seit dem von mir mitveranstalteten Festival "Intermedia ’69" in Heidelberg hatte ich große Schulden. Wir hatten mit dem damals 33 Jahre alten Christo das Amerika-Haus mit Folien verhüllt, bei dieser Aktion war das Schieferdach zu Bruch gegangen. Außerdem hatte Jörg Immendorff die großen, teuren Glasscheiben eines Studentenheims mit nicht mehr ablösbaren Flugblättern beklebt, die Scheiben mussten ausgewechselt werden. Künstler wie Beuys, Dieter Roth und Sigmar Polke hatten daraufhin für meine Edition Arbeiten zur Verfügung gestellt, die ich nun in Köln verkaufen wollte. Aber Rudolf Zwirner hielt von innen die Türe zu, Beuys quetschte seinen Fuß in den Türspalt. Es war wie ein Kinderspiel. Zunächst verkauften wir dann draußen unsere Kunst auf Tapeziertischen. Schließlich gründeten wir eine Gegenmesse und fusionierten später mit dem Kölner Kunstmarkt zur Art Cologne.

ZEIT: "Tötet Euren Galeristen! Kollegen! Gründet eine Produzentengalerie!", schrieb damals der Künstler Dieter Hacker auf Plakate.

Staeck: So martialisch wie Hacker habe ich nie formuliert. Aber die Selbstorganisation, die im Begriff der Produzentengalerie steckt, war unser Prinzip. So war auch das Intermedia-Festival in Heidelberg entstanden. Nachdem uns 1969 der Katalog von Harald Szeemans berühmter Ausstellung When Attitude Becomes Form in die Hände geraten war, ging ich auf die Post, suchte in den Telefonbüchern nach den Anschriften der Künstler und lud sie ein. Das ist bis heute mein Credo: Immer, wenn etwas nach Veränderung ruft, versuche ich es selbst zu machen. Natürlich bin ich dabei auch oft gescheitert. Aber es nicht versucht zu haben ist für mich strafbar.

ZEIT: Kann es einen demokratischen Kunstmarkt überhaupt geben?

Staeck: Wir haben immer für ihn gestritten und versucht, die sogenannte Schwellenangst abzubauen, damit sich auch Normalverdiener in eine Galerie wagen. Ein Projekt für einen demokratischeren Kunstmarkt war etwa das Verlegen von Plakat- oder Postkartenkunst. Eine Postkarte ist ein großartiges Medium, eine reisende Ausstellung. Ich habe viele Editionen von Polke oder Beuys für zunächst weniger als hundert Mark verkauft. Heute werden einige davon für ein Vielfaches gehandelt. Aber den echten Sammler interessiert der Marktwert nur am Rande, echte Sammler wollen nicht verkaufen. Ich möchte große Teile meiner jetzt in Berlin gezeigten Sammlung dem Archiv der Akademie der Künste schenken.