Kunstvermittler – zum allergrößten Teil Kunstvermittlerinnen – sind höchst findig, wenn es darum geht, ihr Publikum dort abzuholen, wo es steht. Nur liefern sie es leider genau dort auch wieder ab. Sie bemühen sich gerade nicht um Bildung oder Aufklärung; vielmehr wird der jeweiligen Klientel suggeriert, sie befinde sich schon auf Augenhöhe mit der Kunst und stecke selbst voller kreativer Potenziale. Eigentlich gehe es nur noch darum, ein paar Unsicherheiten abzubauen.

Doch diese Einschätzung ist fatal. In ihrer Folge werden die Werke nämlich so vermittelt, dass nicht mehr viel von ihnen übrig bleibt. Vielmehr heißt Vermittlung von Kunst, diese bis zur Unkenntlichkeit zu verharmlosen. Hatten die Bildungsbürger noch den Ehrgeiz, sich die Kunst, die sie selbst nie hätten kaufen können, intellektuell anzueignen und sich damit als ihre wahren Besitzer zu fühlen, ja steigerte jemand wie Bazon Brock in seinen legendären Besucherschulen auf der Documenta das Selbstbewusstsein des Publikums noch durch ein Mehr an Bildung, verfolgt die Kunstvermittlung von vornherein ein anderes Ziel. Das Unbehagen, das eine schwierige, schroffe und rätselhafte Kunst auslöst, wird abgebaut, indem man all diese Eigenschaften durch Aktionismus überspielt und so tut, als sei Kunst letztlich doch ganz einfach und verlange keine Zugangsvoraussetzungen. Kunstvermittlung ist insofern vor allem Anästhesie: Sie dimmt alles auf eine vage Atmosphäre von Kreativität herunter.

Man erwartete, Kunst tue weh

Lange erwartete man gerade im linken Milieu, dass Kunst weh tue und das Bestehende negiere. Für Philosophen wie Theodor W. Adorno oder Herbert Marcuse bedeutete es nicht weniger als das Ende der Kunst, sie zu vermitteln und dabei zu verniedlichen, ja mit der Realität zu versöhnen. Heute jedoch müssen Vertreter einer derart kunstvermittlungskritischen Position mit dem Vorwurf rechnen, elitär zu sein. Sind Kritiker der Kunstvermittlung nicht zu verwöhnt und abgehoben, um erkennen zu können, in welch bedauernswerter Lage sich unterprivilegierte Minderheiten befinden? Sind sie sogar gegen diese Minderheiten?

Kunstvermittlung konnte sich auch deshalb widerstandslos durchsetzen, weil kein Museumsdirektor in den Verdacht geraten will, minderheitenfeindlich zu sein. Dabei ist dieser Verdacht alles andere als gerechtfertigt. Übertragen auf andere Bereiche hieße das, auch dann Diskriminierung zu unterstellen, wenn jemand meint, Senioren brauchten sich nicht mit Musik von Jugendlichen zu beschäftigen oder für Leute ohne Schulabschluss sei höhere Mathematik zu schwierig. Tatsächlich wird sonst überall akzeptiert, dass manchen die Voraussetzungen für bestimmte Gebiete fehlen. Warum sollte das nur im Fall der Kunst anders sein? Sofern ebendies behauptet wird, zeigt sich nochmals die Vereinigung von Kunstreligion und Sozialdemokratie: Für die Kunst wird ein absoluter, kein bloß relativer Wert reklamiert, sie wird zu etwas erklärt, das ausnahmslos für alle gut sein soll.

Es mag paradox erscheinen, dass aus der Verabsolutierung der Kunst ihre Trivialisierung folgt, doch wäre der Anspruch auf breite Vermittlung gar nicht anders zu erfüllen. Einmal mehr wiederholt sich hier die Logik des Missionswesens. Auch dort verlangte das Ziel, alle Menschen zu erreichen, die Preisgabe dogmatischer und theologischer Differenziertheit, ja man musste bereit sein, Glaubensinhalte verschiedensten Zielgruppen, Formaten und Medien anzupassen. Das war innerhalb der Kirche durchaus umstritten.

Genauso sollte endlich auch für die Kunstvermittlung eine Diskussion darüber beginnen, wie weit man mit dem Anwerben von Zielgruppen gehen kann. Und es sollte überlegt werden, ob eine Kunstvermittlung jenseits kunstreligiöser Prämissen der Kunst nicht mehr nützen würde. Dabei hätten vermutlich nur die Künstler selbst die Autorität, ein Umdenken einzuleiten. Sie, oft genug betroffen von Aktionen der Kunstvermittlung, könnten damit beginnen, es nicht länger als lästiges Übel hinzunehmen, wenn ihre Werke banalisiert werden. Sobald sie darauf aufmerksam machen, wie oft Kunstvermittlung ohne Rücksicht auf die Kunst betrieben wird, wäre der Zeitpunkt gekommen, einige Entwicklungen der letzten Jahrzehnte einer kritischen Revision zu unterziehen.

Wolfang Ullrich ist Professor für Kunstwissenschaft in Karlsruhe. Zuletzt von ihm erschienen: "Des Geistes Gegenwart. Eine Wissenschaftspoetik" (bei Wagenbach)