DIE ZEIT: Herr Jürgs, was hat sich für Sie verändert?

Michael Jürgs: Ich bin vorige Woche von Hamburg aus, wo ich wohne, nach Erfurt gereist und habe dort wie schon oft in den vergangenen Jahren mit Ostdeutschen diskutiert, über den Stand der Einheit. Diesmal ging es bei der Podiumsdiskussion mit unter anderen Bodo Ramelow um ostdeutsche "Wutbürger" und darum, was sich über die Jahre seit der Wiedervereinigung verändert hat. Für mich der wesentlichste Fortschritt: dass so viele Mitbürger in den neuen Ländern gelassener geworden sind. Dass sie über ironische Bemerkungen inzwischen lachen können. Ich mache seit den Neunzigern Lesereisen durch die neuen Länder, früher waren die meisten sofort beleidigt, wenn ich ironisch wurde und einen Witz auf ihre Kosten machte. Heute lachen sie.

ZEIT: Sie sind da ja vorbelastet: 1990 verloren Sie wegen einer Art Witz auf Kosten der Ostdeutschen Ihren Job.

Jürgs: Ja, stimmt, ich bin als Chefredakteur des stern gefeuert worden, weil ich in meinem dann letzten Leitartikel mit der Frage provozierte: "Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind?" In den Jahren danach habe ich so etwas wie eine Therapie gemacht. Ich bin durch Ostdeutschland gefahren, auch in winzige Dörfer, die kein anderer westdeutscher Journalist freiwillig aufsuchen würde. Ich wollte wissen, wie die Leute ticken, aber eigentlich wollte ich mich auch rehabilitieren.

ZEIT: Es war Ihre eigene Aufarbeitung Ost?

Jürgs: Das gebe ich gern zu. Bis heute hat mich das Thema nicht losgelassen. Inzwischen habe ich dazu drei Bücher geschrieben und als Co-Autor zwei Dokumentationen gedreht.

ZEIT: Was haben Sie bei der Diskussion in Erfurt noch lernen können?

Jürgs: Zunächst einmal: dass die Menschen hier sich für Themen interessieren, deretwegen kein Westdeutscher vom Sofa hochkäme. Wo steht die Zivilgesellschaft?, das war die Frage des Abends. Im Westen hätte die keine zwanzig Leute angelockt. In Erfurt war es ein brennendes Thema. Die Zuhörer blieben zweieinhalb Stunden und diskutierten mit.

ZEIT: Sie haben den Abend mit der ernüchternden These begonnen, noch eine Generation müsse erwachsen werden, ehe die Emanzipation der Ostdeutschen geschafft sei. Wie kommen Sie darauf?

Jürgs: Die Generation der 1990 Geborenen ist erwachsen, die ersten 25 Jahre sind vorüber, aber wir merken jetzt, dass sich viele Ostdeutsche noch nicht auf Augenhöhe mit den Westdeutschen sehen oder zu sehen wagen. Ihr Selbstbewusstsein wächst, aber eben langsam, viele suchen noch nach ihrer Identität. Wahrscheinlich ist das normal. Im Westen hat es nach der Befreiung 23 Jahre gedauert, ehe sich das Land von der verkrusteten Nazi-Diktatur befreit hatte und sich die Menschen als Bürger der Bundesrepublik identifizierten. In Folge der Spiegel- Affäre 1962 und der Demonstrationen gegen die große Koalition 1966 sowie der Studentenproteste 1967/1968 wuchs nach und nach eine Zivilgesellschaft. 1990 dachten wir, dieser Prozess gehe im Osten schon deshalb schneller, weil die Euphorie über die Einheit so groß war. Aber so kam es nicht. Inzwischen immerhin ist die ostdeutsche Zivilgesellschaft in der Pubertät angekommen.

ZEIT: Was verstehen Sie unter Zivilgesellschaft?

Jürgs: Dass Menschen sich als mündige Bürger verstehen, dass sie Widerstand leisten, wenn sie mit Entscheidungen nicht einverstanden sind. Dass sie tolerant sind gegenüber Andersdenkenden und akzeptieren, dass es zu jeder Meinung auch eine Gegenmeinung geben darf, dass die schönste Farbe zwischen Schwarz und Weiß Grau ist, die Farbe des Zweifels.

ZEIT: Und das sollen Ostdeutsche nicht verinnerlicht haben?

Jürgs: Schauen Sie sich die Pegida-Demos an.