Drei Millionen Mal wurde der Roman weltweit verkauft, in über 30 Sprachen übersetzt – und doch würden hinter dem Titel Nackt unter Wölfen heute wohl die meisten so etwas Ähnliches wie eine Wanderhuren-Mittelalter-Saga vermuten. Im Westen ist dieser vielleicht erfolgreichste Roman der DDR nahezu unbekannt – in Ostdeutschland hingegen kennt jeder über 40 das Buch von Bruno Apitz, es war Pflichtlektüre in der Schule. Als der Roman 1958 erschien, wurde er sofort zum Klassiker, denn er passte ideal zur antifaschistischen Mythisierung der DDR, die die SED damals massiv betrieb. Denn hier erzählte der einstige KZ-Häftling Apitz vom Leben im KZ Buchenwald – und dieses KZ mutierte just zu dieser Zeit zum zentralen Gedächtnisort des offiziellen Antifaschismus. Eine frisch errichtete monumentale Gedenkstättenarchitektur kam vor Ort hinzu. Während von Auschwitz und den Vernichtungslagern mit seinen jüdischen Opfern in der DDR kaum je die Rede war, wusste jedes Kind, dass in Buchenwald KPD-Chef Ernst Thälmann ermordet worden war und dass die vorwiegend kommunistischen Häftlinge im Lager sich durch einen Aufstand im April 1945 selbst befreit hatten.

Befeuert wurde die Mythisierung Buchenwalds noch durch die legendäre Defa-Verfilmung von Nackt unter Wölfen von 1963 durch den gerade mal 30-jährigen Frank Beyer. Stars wie Erwin Geschonneck oder der junge Armin Mueller-Stahl hatten hier ihren großen Auftritt. Die Wirkung allerdings von Nackt unter Wölfen lässt sich weder in Buch- noch in Filmform auf den Propagandawillen des Politbüros zurückführen – auch wenn Walter Ulbricht und seine Genossen die Druckfahnen des Romans mit Argusaugen prüften. Denn die Geschichte aus dem KZ, in dem Apitz selbst acht Jahre verbracht hatte, erzählte populär von einem menschlichen Drama: Der dreijährige jüdische Junge Stefan aus Polen wird 1945 in den letzten Wochen vor der Befreiung von den kommunistischen Häftlingen im KZ vor der SS versteckt (er wäre sonst unweigerlich in ein Vernichtungslager transportiert worden) – obwohl das die illegale Organisation der Häftlinge vor dem geplanten Aufstand extrem gefährdete. Kommunistische Menschlichkeit siegt über die dogmatische Parteidisziplin: So lautete Apitz’ Botschaft. Und als dann noch das "echte" Buchenwald-Kind (eines von 900) später auftauchte, Stefan Jerzy Zweig, erfuhr der Mythos seine sensationelle Beglaubigung. Dennoch versteht man die strenge Ruth Klüger, Schriftstellerin und Auschwitz-Überlebende, natürlich, für die dieser "Kitschroman" der "Inbegriff von KZ-Sentimentalität" ist.

Am kommenden Mittwoch kommt nun Buchenwald zur Primetime ins deutsche Fernsehen: Nackt unter Wölfen wird in einer TV-Verfilmung gezeigt, die auf einer ebenfalls neuen Ausgabe des Romans von 2012 beruht, in der erstmals Stellen enthalten sind, die Apitz aus vorauseilendem Gehorsam gegenüber der Parteilinie weggelassen oder abgemildert hatte. Gedreht wurde der Film von Regisseur Philipp Kadelbach für Nico Hofmanns Ufa Fiction in Koproduktion mit der ARD, inklusive anschließender historischer Dokumentation. Nach dem Mehrteiler Unsere Mütter, unsere Väter geht es für Kadelbach und Hofmann erneut tief zurück in die nationalsozialistische Vergangenheit – diesmal allerdings widmen sie sich zur besten Sendezeit einem Stoff, der von einer kleinen verschworenen Minderheit erzählt: den deutschen Kommunisten im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Bereits bei den Dreharbeiten erzählte der wie stets von seinen Projekten begeisterte Hofmann, dass es tatsächlich die seit Jahrzehnten erste Fernsehproduktion sein werde, die fast ausschließlich aus der Innenwelt eines KZs erzähle. Es gab auch eine Ausnahmedrehgenehmigung der Gedenkstätte Buchenwald für Außenaufnahmen, sodass der authentische Ort hier eine wichtige Rolle spielt.

Tatsächlich gelingt dem Film ein wichtiges Stück Aufklärung. Denn die historischen Debatten um den Mythos Buchenwald waren nach dem Ende der DDR besonders heftig. Endlich konnte darüber gesprochen werden, dass das sogenannte Kapo-System innerhalb des Lagers, bestehend aus von der SS privilegierten, zumeist kommunistischen Funktionshäftlingen, zu einer brutalen Hierarchie im Überlebenskampf führte: Unter den 56.000 Buchenwald-Toten gab es lediglich 72 deutsche Kommunisten. Was den Forschern seit den neunziger Jahren bekannt ist, wird nun – endlich – für ein breites Publikum sichtbar: das innere Lagersystem mit seinen Herrschaftsmechanismen, Extra-Brotzuteilungen, leichter Arbeit, geheimer Medizin für Genossen und vor allem dem Einfluss auf die Todeslisten, jene für den Abtransport zur Vernichtung vorgesehenen Häftlinge, deren Zusammensetzung von der geheimen kommunistischen Lagerorganisation unauffällig mitbestimmt wurde.