Das Schwarze Café in der Kantstraße ist einer dieser Orte, in dem der Besucher eine Zeitreise in das alte Berlin antritt – es ist das Berlin der achtziger Jahre vor der Maueröffnung, das Berlin der Hinterhöfe, die nach Kohle, Keller und alter Kohlsuppe rochen, das Berlin, das so merkwürdig depressiv, menschenleer und abgehängt wirkte wie wohl keine andere Stadt in Europa. Und natürlich ist die Erinnerung an das alte Mauer-Berlin heute längst Pop und eine Touristenattraktion. Das Schild am Schwarzen Café verkündet "since 1978".

Und jetzt also das nächste Kapitel im Erinnerungswerk des Regisseurs und Schriftstellers Oskar Roehler. Mit seinem Lederjackett, dem großen Brillengestell und den langen, dünnen Rockerhaaren wirkt Roehler so ganz anders als der junge, smarte Künstlertyp, der für seine Produkte auf Facebook wirbt. Schau an: Da sitzt einer, hoppla, der an seiner Kunst wirklich noch leidet. Der Künstler Roehler kommt gerade von der Leipziger Buchmesse, wo er aus seinem neuen Roman vorgelesen hat: "Ich bin wirklich komplett erschöpft. Ich fühle mich gebrechlich und alt."

Der Regisseur und Schriftsteller Oskar Roehler, 56, der Wilde unter den deutschen Autorenfilmern – die Kritik sieht in ihm den legitimen Erben von Rainer Werner Fassbinder –, befindet sich seit Jahren in einer künstlerischen Aufarbeitung seiner Biografie: In seinem Roman Herkunft, 2011 erschienen, erzählt er seine verwahrloste Kindheit und Jugend zwischen fränkischer Provinz und West-Berliner Tristesse als Geschichte der jungen Bundesrepublik. Mit Die Quellen des Lebens (2013) übernahm Roehler die Verfilmung seiner Autobiografie gleich selber. Das Buch, Roehlers literarisches Debüt, wurde gefeiert, der Film hatte, wie so oft bei diesem Regisseur, an der Kinokasse wenig Wirkung und verschwand nach wenigen Wochen aus dem Programm. Nun hat Roehler einen weiteren Doppelauftritt als Schriftsteller und Regisseur: Sein Roman Mein Leben als Affenarsch ist die Fortsetzung von Herkunft, es schildert Roehlers Zeit als junger Punk, Sinnsucher und existenzialistischer Dichter im West-Berlin des Jahres 1981. Unter dem Titel Tod den Hippies!! Es lebe der Punk kommt in dieser Woche die Verfilmung des Romans ins Kino: Tom Schilling spielt Roehlers Alter Ego, den jungen Punk Robert.

Um es gleich zu sagen: Roehlers Mein Leben als Affenarsch ist richtig gut, ein schnelles, hartes, herrlich rausgebrettertes, dabei sprachlich diszipliniertes und genaues Buch. Roehler drangsaliert den Leser mit der kaputten Psyche seiner Hauptfigur, er schildert Sucht, sexuelle Obsessionen, Masochismus und Nihilismus, die Suche nach schneller körperlicher Befriedigung und frühem künstlerischen Ausdruck, die ganz offenkundig nicht der Fantasie des Autors, sondern der Biografie des jungen Oskar Roehler entspringen – und schafft das Kunstwerk, nicht abzustoßen, sondern zu berühren. Unter den Nichtschreibern, also denen, die einen anderen Beruf als das Bücherschreiben gelernt und ausgeübt haben, ist Oskar Roehler derzeit der Interessanteste. Die Verfilmung des Romans, die Roehler noch während der Arbeit am Roman begonnen hat, ist weniger düster, kaputt und abgründig geraten, aber hat, wie viele Roehler-Filme, doch deutliche Schwächen: Es gibt schlicht dramaturgische Probleme. Immer wieder kommt dem Regisseur im Fluss der Handlung sein Hang zum Übertreiben, zum Slapstick in die Quere. Es ist die typisch Roehlersche Lust am Auf-die-Kacke-Hauen.

Dabei liegt der Künstler richtig damit, seine eigene Biografie immer wieder zum Thema seiner Bücher und Filme zu machen: Das Gute an der so herrlich altmodischen, verqueren Künstlerexistenz Oskar Roehlers ist, dass es wirklich etwas zu erzählen gibt. Es ist ein schwarzer, düsterer, drastischer, ein zum Himmel schreiender Stoff. West-Berlin, 1981: Der junge Mann aus der westdeutschen Provinz, frisch zugerichtet mit einem sagenhaft hässlichen Irokesenkamm, mit Wehrmachtsmantel, Springerstiefeln und Tornister, taucht in der Mauerstadt auf. Robert rennt durch die leeren Straßen, auf der Suche nach Licht, Wärme, irgendeinem Leben. Und landet in einer Peepshow, wo er den niedrigsten Job annimmt, den einer für Geld machen kann: Mit dem Schrubber in der Hand wischt er das Sperma der onanierenden Kundschaft weg. Immer wieder Schockszenen: Der Hausmeister kackt vor das Fenster der Kellerwohnung des Dichters. Robert stürzt tagelang auf Speed ab. Blixa Bargeld verkündet: "Gott ist nicht im Arsch der Schwulen." Roehlers Alter Ego Robert ist ein Intensitäts- Sucker : "Ich will versuchen zu wichsen und zu schreiben." Der junge Dichter, der natürlich auch ein Nihilisten-Poser ist, führt eine entsetzliche SM-Beziehung mit der Stripperin Nina ("Wir ficken, prügeln, trennen uns, ficken, prügeln, trennen uns"), er kassiert Sozialhilfe ("Das ist West-Berlin: Die Spießer zahlen, und wir setzen ihre sauer verdienten Kröten in Zigaretten, Alkohol und Drogen um"), hat herrliche Hassanfälle – auf die Drecksstadt Berlin, auf Hippies, auf Akademiker, auf die Bourgeoisie. Im Film führt Roehler Gestalten ein, die im Buch nicht vorkommen, die schwärzeste ist sein Freund, der schwule Nazi-Punk Gries. Die filmischste Szene findet bezeichnenderweise nicht im Film, sondern im Buch statt: Robert schwimmt mit Wehrmachtsmantel Butterfly im Landwehrkanal. Der Gipfel der Poesie ist erreicht, als der junge Punk mit einer einbeinigen Hure auf der Bülowstraße Geschlechtsverkehr hat: "Als ich abspritze, verschwindet die Sonne hinter Möbel Hübner."

Zur naheliegenden Frage, wie viel Autobiografie, wie viel wahres Leben im neuen Film und Buch liegen: "Ach", erklärt Roehler im Schwarzen Café, "es gibt die Wahrheit, dass ich als junger Mann einmal ein paar Monate im Theater gearbeitet habe. Alles andere ist erfunden." Natürlich ist diese Aussage auch Koketterie: Der junge Roehler hat das Romanmanuskript und das Drehbuch für seinen Film tatsächlich gelebt. Wie die Figur Robert hat er in einer Peepshow auf der Potsdamer Straße geputzt. Roehler kann berührend davon erzählen, wie arm, dumm, verloren, wie abgetrennt von allem Leben und wie feige der junge Oskar damals wirklich war: "Ganz viel, was ich den Robert als jungen Oskar machen lasse, bin ich jetzt mit Mitte fünfzig." Gefragt nach dem tollen Achtziger-Jahre-Pop, der im Film in der Peepshow läuft – Sandras In the Heat of The Night, Nino de Angelos Jenseits von Eden –, gerät Oskar Roehler ins Schwärmen: "Das kommt im Film vielleicht falsch rüber: Die Peepshow war ja ein geiler Ort. Eine Disco." Kaputte Sache: die Solokabine als ein Ort von Poesie, Erhabenheit und Pop. Roehler erinnert sich, wie warm es in der Peepshow war ("dreißig, vierzig Grad") und wie gut es da roch: "So süßlich. Ich habe den Geruch gerade in der Nase."

Roehler denkt nun vorsichtig, ganz vorsichtig, darüber nach, warum für ihn das Schreiben, nicht das Filmemachen, die Königsdisziplin ist: Er möchte die Produzenten seines neuen Films nicht verärgern. "Filmer beneiden Autoren um ihre Ideen." Die Kraft der Kunst des Oskar Roehler sind der Fun des Hassens, die positive Energie der Negativität: In Zeiten von Yoga und Positive Thinking liegt darin eine wunderbare, eine enorme Attraktivität. Derzeit ist der Schreiber Roehler besser als der Regisseur. Der manische, von Ängsten und Albträumen getriebene Künstler aber soll weitermachen: Sein bestes Buch hat er vielleicht schon geschrieben, seinen besten Film aber noch nicht gedreht.