Der 1. April markiert den 200. Geburtstag des Otto von Bismarck, der das heutige Deutschland begründet hat – nicht schlecht nach tausend Jahren Kleinstaaterei. Doch gefeiert wird er kaum. Der Vergleich mit Abraham Lincoln drängt sich auf. Wie Bismarck hatte er die Nation (wieder)vereinigt – in einem grausamen Bürgerkrieg, der 15-mal mehr Gefallene forderte als der Krieg gegen Frankreich 1870/71 auf deutscher Seite. Er hat geschönt und getrickst. Und doch wurde Lincolns 200. Geburtstag 2009 überschwänglich im ganzen Land zelebriert. Im Pantheon sitzt er heute neben Washington und Jefferson auf dem höchsten Podest.

An die 700 Bismarck-Denkmäler stehen in Deutschland; heute aber ist die Erinnerung diskrete, gar peinliche Routine. Weil er ein "Reaktionär" war? Er hat Sozialisten und Katholiken verfolgt, den Juden aber volle Bürgerrechte verschafft. In seine Zeit fällt das allgemeine Wahlrecht, es folgte die Sozialgesetzgebung, die zum Vorbild in der westlichen Welt wurde. Bismarck war kein "Reaktionär", sondern, wie Kissinger notiert hat, ein "weißer Revolutionär", der das Rad nicht zurückdrehen, sondern behutsam nach vorn lenken wollte. Wilhelm II. ist das nicht gelungen.

Besonders töricht ist es, Bismarck in eine Linie mit Hitler zu stellen. Der Kanzler hat drei kurze Kriege geführt; Hitler, der Mega-Mörder, wollte ganz Europa unterjochen. Das Bismarck-System hat vierzig Jahre lang den Frieden bewahrt – eine Meisterleistung angesichts eines deutschen Kolosses, der allein kraft seiner Existenz die etablierte Ordnung aus den Angeln hob.

Warum wir uns etwas großherziger an Bismarck erinnern sollten? Zum Beispiel, weil er die Blaupause für die Außenpolitik der Bundesrepublik entworfen hat. In seinem Kissinger Diktat (1877) verweigert er "irgendeinen Ländererwerb". Er wollte eine "politische Gesamtsituation, in welcher alle außer Frankreich unser bedürfen und von Koalitionen gegen uns (...) abgehalten werden". Man müsse immer "selbdritt" auf dem Schachbrett sein. Bündnispolitik (diesmal mit Paris und Washington) als Versicherung gegen den "Albtraum der Koalitionen" war auch das Leitmotiv der Bonner Außenpolitik seit Adenauer.

Dem britischen Premier Salisbury schrieb Bismarck 1887, das Reich sei "saturiert", "friedfertig" und "konservativ". Der Gigant sollte das "Bleigewicht am Stehaufmännchen Europa" sein. Gilt das nicht auch für Berlin heute, das "aus der Mitte" führen will, seine Kraft selber bändigt, die Interessenkonflikte in Europa und zwischen West und Ost auszutarieren sucht? Fast alle "bedürfen unser", aber nur so lange, wie Deutschland sich selber eindämmt – wie weiland unter Bismarck.

Wir wissen, wie es damals ausgegangen ist, aber Bismarck für das ausgreifende Abenteurertum des zweiten Wilhelm verantwortlich zu machen tut dem Kanzler einen historischen Tort an. Überdies war Bismarck ein glänzender Stilist, dessen Werke sich hinter denen des Literaturnobelpreisträgers Churchill nicht verstecken müssen. Witzig war der Mann mit der Fistelstimme auch, zum Beispiel: "Die meisten Orden werden nicht verdient, sondern erdient, erdienert oder erdiniert."

Diese historische Figur hätte zum 200. etwas mehr freundliche Aufmerksamkeit verdient, statt ihr den blutigem Irrweg deutscher Politik im 20. Jahrhundert anzukreiden. Dem Mann verdankt das Land mehr als den Bismarck-Hering und die Biskuitrolle namens Bismarck-Eiche.