"Jedes Mal", hat Michel Houellebecq neulich der ZEIT gesagt, "wenn ich auf eine Beerdigung gehe, spüre ich, dass der Atheismus unserer Gesellschaften unerträglich geworden ist. Eine Gesellschaft ohne Religion ist nicht überlebensfähig."

Aber andererseits sind selbst Gesellschaften nicht überlebensfähig gewesen, in denen die Religion einen festen Platz hatte. Gut, könnte man sagen, das war früher, heute tut die Religion not, um den Rest des Bestandes zu wahren. Aber Religionen sind dort, wo sie wichtig werden, eher dabei, den Bestand zu zerstören, als ihn zu wahren. Oft dienen sie auch dazu, Andersgläubige sozial zu diskriminieren.

Houellebecqs ersten Satz kann man glatt umdrehen: "Wenn ich auf eine Beerdigung gehe, spüre ich, dass der Glaube in unseren Gesellschaften unerträglich geworden ist." Sicherlich benötigen wir Rituale – bei der Geburt, bei der Hochzeit und für den Abschied. Ob ich diese aber pragmatisch sehe oder ob ich von ihnen spirituell erfasst werde (wie das heute noch bei vielen Menschen der Fall ist), wird die Gesellschaft nicht so sehr verändern, dass sie Houellebecq erträglich vorkommen könnte.

Spirituell erfasst hat mich Holm Tetens’ Reclam-Bändchen Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie. Der Autor beginnt mit einem Zitat von Max Horkheimer: "Der Gedanke, dass die Gebete der Verfolgten in höchster Not, dass die der Unschuldigen, die ohne Aufklärung ihrer Sache sterben müssen, dass die letzten Hoffnungen auf eine übermenschliche Instanz kein Ziel erreichen und dass die Nacht, die kein menschliches Licht erhellt, auch von keinem göttlichen durchdrungen wird, ist ungeheuerlich."

Tetens betont im Nachwort das Risiko, heutzutage als Philosoph nicht atheistisch zu denken; er wollte sein Schreiben über Gott schon aufgeben und das Geschriebene in die Schublade stecken. Nun, es wäre schnöde, daran zu erinnern, dass es Zeiten gab, in denen das Verfassen atheistischer Texte das Leben kosten konnte. Die Missachtung sogenannter Kollegen ist da heute weiß Gott leichter zu ertragen.

Ich habe gegen die rationale Theologie einen anderen Einwand als die Kollegen. Ein Kabarettist hat es jüngst so formuliert: "Der Glaube gehört ins Herz." Gewiss, wenn Gott all das ist, was wir in ihm zu sehen glauben, ist das Herz für ihn zu eng. Tetens führt überzeugend den Beweis, dass der Verstand zur Theologie gehört. Aber der Verstand stößt an Grenzen, zum Beispiel an das Konzept der Auferstehung: Gott, so Tetens, kann das Leben einer Person "weiterdenken, indem er sie in einem 'neuen Leib' wiederverkörpert denkt". Mit dem Herzen überwindet man solche Glaubensprobleme leicht, der Verstand hingegen verwickelt sich in Unglaubliches.