ZEIT: Der Präsident des Vereins, Harald Strutz, hat Ihnen letzte Woche im Kicker erneut Vertragsbruch vorgeworfen. Ihr Verhalten sei "aus persönlicher Sicht enttäuschend" und gegenüber den Spielern "sehr grenzwertig" gewesen. Hat er Recht?

Tuchel: Ich verstehe die Enttäuschung, aber die Beschuldigungen sind nicht gerechtfertigt. Sie spiegeln das Verhältnis zwischen meiner Mannschaft und mir in keinster Weise wider. Wir hatten ein besonderes, außergewöhnliches Vertrauensverhältnis mit den Spielern. Gegenüber der Vereinsführung habe ich in jeder Phase mit viel, viel Vorlauf mit offenen Karten gespielt.

ZEIT: Litten Sie unter einem Burn-out wie seinerzeit Ihr Trainerkollege Ottmar Hitzfeld?

Tuchel: Überhaupt nicht. Um einen Außenseiter nachhaltig in der Liga zu etablieren, brauchst Du Begeisterungsfähigkeit, Überzeugungskraft und auch eine gewisse Leichtigkeit. Wir hatten mit Mainz die Euro-League geschafft, und wir hatten eine wirklich erstklassige Ausgangslage. Es war aus sportlicher Sicht ein guter Zeitpunkt, die Mannschaft stand erstklassig dar.

ZEIT: Sie gelten als besonders ehrgeizig, machen sich viel Druck. Haben Sie sich durch das hohe Anspruchsdenken selbst zermürbt?

Tuchel: Natürlich haben wir ein sehr hohes Anspruchsdenken an uns und unsere Spieler. Und natürlich fühlt man das auch als Druck, ja, aber das Gefühl zermürbt zu sein, ist mir fremd. Das hat sich eher so angefühlt wie bei einem Lehrer, der nach fünf Jahren denkt, dass doch jetzt besser mal ein anderer den Stoff erklärt, bevor unsere enge Bindung unserer Weiterentwicklung im Weg steht.

ZEIT: Begeistert sind Sie seit vielen Jahren von Pep Guardiola, dem FC Bayern-Trainer. Mit ihm waren Sie in München im Schumanns. Warum gerade in dieser Bar, wo alle zusehen?

Tuchel: Ich war essen und dann hieß es, Pep kommt nachher dazu. Es war sein Vorschlag. Und wenn er gesagt hätte: Wir treffen uns am Marienplatz, dann hätte ich meine Daunenjacke angezogen und wäre hingegangen.

ZEIT: Sie haben sich viel umgesehen in den vergangenen Monaten. Sie waren unter anderem bei einem U17-Turnier in Katar, bei Basketballern in Bamberg und bei einem Volleyballtrainingsspiel in Berlin. Mit welcher Erkenntnis?

Tuchel: Ich liebe Sport! Das war faszinierend für mich. Und ich freue mich sehr, dass mich Kaweh Niroumand, der Manager und Geschäftsführer der Berlin Recycling Volleys , zum Final-Four-Turnier in dieser Woche nach Berlin eingeladen hat. Mich beeindruckt, welch unglaublich ambitionierter Sportsgeist da herrscht, und das ohne maximale mediale Begleitung.

ZEIT: Sie haben sich auch mit dem Mathematiker und Statistiker Matthew Benham getroffen, das ist ein Wettanbieter aus London, der auch Clubbesitzer ist, und der achtzig fest angestellte Mitarbeiter beschäftigt. Was hat Ihnen das gegeben?

Tuchel: Die wissenschaftliche Sicht auf das Spiel ist ein interessanter Input, der Mathematik mit Fußball kombiniert. Mir geht es dabei überhaupt nicht um Schlussfolgerungen auf der Wettanbieter-Seite.

ZEIT: Sondern?

Tuchel: Es geht unter anderem darum, wie schwer es Menschen fällt statistisch richtig zu denken, und wir uns durch unsere individuelle Wahrnehmungsverzerrung selbst in die Irre führen oder als scheinbare Experten ein viel zu großes Vertrauen in das eigene Wissen haben.

ZEIT: Und wie weist man das nach?

Tuchel: Da sitzen Wissenschaftler zusammen und programmieren ein mathematisches Rechenmodell auf der Basis von analysierten Spielen. Und daraus ergeben sich zukünftige Wahrscheinlichkeiten. Benham sagt selbst von sich, er könnte niemals eine Fußballmannschaft trainieren, aber er kann sagen, von welcher Position aus es statistisch gesehen am wahrscheinlichsten ist, dass der Stürmer ein Tor schießt, weil sein System unzählige Torschüsse analysiert hat und ständig weiter analysiert.

ZEIT: Das wird im Bundesliga-Alltag, wenn es unberechtigte Elfmeter, Lattenschüsse oder Platzverweise gibt, auch nicht viel helfen.

Tuchel: Stimmt! Niemand stellt den Faktor Glück und Pech beim Fußball infrage. Im Gegenteil: Die objektiven Daten erlauben eine vom Spielergebnis und Spielverlauf unabhängige Spielanalyse!

ZEIT: Da sind Sie zu der erstaunlichen Formel gekommen, 1 + 1 ist nicht 2, sondern 3.

Tuchel: Eine Mannschaft ist meiner Meinung nach tatsächlich mehr als die Summe der einzelnen Spieler. Aber es geht natürlich nicht nur um Statistiken, sondern auch um andere wichtige Dinge, wenn man erfolgreich Fußball spielen will. Wir hatten in Mainz eine Leistungsatmosphäre, die sich irgendwann losgelöst hat von äußeren Umständen: unserer Außenseiterrolle, der Ergebnisstatistik vor dem Spiel, den Expertenmeinungen, den Platzverhältnissen. Wir haben uns anhand von konkreten Handlungszielen zugetraut, Dortmund zu schlagen, Schalke zu schlagen, und sogar Bayern München, obwohl viele dachten, das geht nicht. Und natürlich klappte es nicht immer, aber wir waren unser eigener Benchmark, die Mannschaft ist regelmäßig über sich hinausgewachsen und war dadurch mehr als die Summe ihrer Einzelspieler.

ZEIT: Der Mainzer Präsident Strutz hat über Sie als Trainer gesagt: "Der hat was, was andere nicht haben." Wissen Sie, was er meint?

Tuchel: Ja, ich denke schon, aber ich möchte mich auf keinen Fall öffentlich bewerten.

ZEIT: Sie haben mit Profis fünf Jahre gearbeitet, den Aufstieg in die Bundesliga hat in Mainz noch Ihr Vorgänger Jörn Anderson geschafft. Und doch gelten Sie als das größte Trainertalent im Lande.

Tuchel: Entdeckt und nach Mainz geholt hat mich Volker Kersting, der Leiter des Mainzer Nachwuchszentrums. Den Mut, mir die Verantwortung für die Erstligamannschaft zu übertragen, hatte Christian Heidel. Er hat damals gesagt, ich möchte die Profi-Mannschaft so spielen sehen wie Deine A-Jugend letztes Jahr, und ich möchte, dass sie so geführt wird.