Wäre ein Parteitag der Linken ein Stummfilm, Olaf Walther wäre sein Star. Wie er die Hände zum Sprachrohr formt, wenn er Zwischenrufe skandiert! Wie er die Arme zur Saaldecke reckt, die Handflächen nach oben geöffnet, wenn ein Redner der Gegenseite vom "Verstand" spricht, den es in einer politischen Abstimmung eben brauche: Ja, Verstand, wenn man den hätte! Als Pantomime ist er großartig.

Mit Ton wird die Show noch eindrucksvoller. Walther ist der Anführer – oder vielleicht besser: der Guru – der Liste Links, einer studentischen Organisation in und im Umfeld der Hamburger Linken. Die Liste wiederum ist die Machtbasis der umstrittenen Ex-Fraktionsvorsitzenden Dora Heyenn und deren Ablösung darum auch ein Angriff auf Walther und Genossen.

Für Liebhaber politischer Gemeinheiten ist ein Auftritt der Liste Links bei einem Parteitag ein Genuss. Da ist das aus Dutzenden Kehlen wunderbar ironisch hingehauchte "Aaah!", Glissando auf- und absteigend, wenn ein politischer Feind einen Erkenntnisfortschritt beschreibt. Da ist das traurig verhallende "Oooh!", Glissando decrescendo, absteigend, wenn ein Vertreter der Gegenseite persönliche Verletzungen schildert.

Die Hierarchie der Liste Links: Unten die "Welpen", darüber die "Junioren", oben das ZK der "Senioren"

Es geht viel um Verletzungen, wenn die Hamburger Linken ihre inneren Angelegenheiten beraten, und die Fähigkeit, sie ihren Gegnern zuzufügen, hat die Liste Links zur Kunstform erhoben.

Als retrolinke Nervensägen kennt wohl jeder in der Partei das Uni-Bündnis um den ergrauten Dauerstudenten Walther. Die Antifa- und die Friedensgruppe der Hamburger Linken haben sich im Streit um die Liste gespalten, weil viele Genossen der Belehrungen aus dem orthodox-leninistischen Debattierzirkel müde wurden. Sogar Sahra Wagenknechts Kommunistische Plattform arbeitet in Hamburg zweigleisig, einmal mit und einmal ohne Liste Links.

Auf Parteitagen stellen die Liste und ihre Verbündeten etwa ein Drittel der Stimmberechtigten – ein Block, gegen den sich nur schwer Beschlüsse durchsetzen lassen.

Weniger bekannt und schwerer zu ergründen ist das Innenleben der Liste Links. Einiges steht nachzulesen in einem Manifest der Gleichen, einem 16-seitigen Aufschrei aus dem Inneren der Organisation, der inzwischen im Netz steht. Wenn der Inhalt zutrifft, dann ist die Liste Links eine politische Vereinigung nur in dem Sinn, in dem Scientology eine Religion ist, zusammengehalten weniger von Überzeugungen als von persönlichen Abhängigkeiten. Man wohnt und wirtschaftet gemeinsam, wer dazukommt, gibt seinen alten Freundeskreis auf. Es herrscht eine strikte Hierarchie: unten die "Welpen", darüber die "Junioren" und über jenen das "ZK" der "Senioren" mit Olaf Walther an der Spitze. "Nur durch Hochbuckeln vor der nächsthöheren Ebene oder den Obersten kann man aufsteigen", heißt es im Manifest.

"Traurige Schicksale" seien das, sagt ein Beobachter. "Nach zehn Jahren in der Liste Links gibt es für die ja keinen Weg mehr raus." Zeit für ihre Studien bleibe den Mitgliedern praktisch nicht, "einen normalen Lebensweg haben die sich komplett versperrt".

Politische Arbeit in der Welt der Liste Links, das bedeute dem Manifest zufolge auch, "dass alle zahlen müssen, damit das ZK essen, wohnen und diskutieren kann, ohne sich mit Lohnarbeit herumzuplagen". Und: "Olaf interessiert nur, was jeder Mensch in jedem Moment an die angeblich gute Sache zu zahlen bereit ist."