Der heimliche Traum, der die Technik schon immer begleitet hat, ist der Traum von ihrer überirdischen Perfektion. Wie eine zweite Schöpfung soll sie sein, ohne die skandalöse Unvollkommenheit des menschlichen Mängelwesens, ohne seine ärgerlichen Defekte und Unzulänglichkeiten. Die vollkommene Technik gleicht dem Gott der mittelalterlichen Philosophen: Unaufhörlich taktet er die vergehende Zeit und bestimmt den Rhythmus der "hinfälligen irdischen Welt". Die "Nanosekundentakte eines weltweiten Computerparks", so der Technikphilosoph Friedrich Kittler, "tragen Atomkraftwerke und Zivilflugzeuge, die ohne Bordcomputer allesamt in ihr Nichts zurücksinken müssten". Computer sprechen die Sprache der "Engel"; wir müssen mit ihnen rechnen lernen, statt immer nur von einer Gesellschaft zu träumen, die ausschließlich aus Menschen besteht.

Gewiss, das war das Wunschdenken des Philosophen. Die Alltagsvernunft hat nie an die göttliche Vollkommenheit der Technik geglaubt, denn die Alltagsvernunft ist zutiefst gnostisch: Wo der Technikphilosoph Engel sieht, sieht sie den Teufel. Sie sieht komplexe Risiken, unberechenbare Rückkopplungen, fatale Zufälle und die "Verkettung unglücklicher Umstände". Der Fehlerteufel ist überall und nirgends. Nichts ist perfekt, alles kann schiefgehen, denn unser Wissen kann nicht alles wissen. Mit einem Wort: Technik ist dämonisch zweideutig, man darf ihr nicht vertrauen. In der Perfektion lauert die Katastrophe.

Nach dem Absturz des Germanwings-Maschine schien die Alltagsvernunft wieder einmal recht behalten zu haben. Alle Technik ist unbeherrschbar, ihre majestätische Vollkommenheit ist dämonischer Schein. Doch wenn es stimmt, dann hat die Technik tadellos funktioniert, und es war die Entscheidung des Co-Piloten, die Maschine abstürzen zu lassen und 149 Menschen mit in den Tod zu reißen. Damit geht das Dämonische von der Technik wieder auf den Menschen über. Nicht die Maschine, sondern das Subjekt ist der Abgrund. Der Mensch ist das Restrisiko der Technik.

Nach allem, was Journalisten über den Co-Piloten in Erfahrung gebracht haben, war er ein Bewohner zweier Welten. Ein aufgeschlossener, freundlicher junger Mann, charakterlich volatil und rundum anpassungsfähig, also ein idealer, hochgradig erwünschter Zeitgenosse. Was man nicht sah, war seine Krankheit. Der Mann, so heißt es, litt an einer Depression, die während seiner Ausbildung ausbrach, also in der Zeit, als er in den Flugsimulatoren der Lufthansa lernte, die Technik perfekt und fehlerfrei zu beherrschen. Oder um im Bild zu bleiben: als er lernte, sich mit dem System störungsfrei zu synchronisieren und den Maschinen die Dämonie auszutreiben. Von einem ungeheuren Leistungsdruck ist die Rede, von permanentem Stress und Überforderung.

Für viele Forscher ist die Depression eine "Jahrhundertkrankheit", das Symptom der abgehetzten und ständig überlasteten Zivilisation, die mit ihren unerbittlichen systemischen Zwängen den Einzelnen heillos überfordern muss. In der Depression kollabiert gleichsam das "Subjektsystem", und der Kranke nimmt Abschied von der Welt. Die Zeit erscheint ihm als schwarzes Loch und die Zukunft als saugende Leere. Nichts, was sich in der äußeren Welt als innerer Sinn identifizieren ließe.

Was solche Beschreibungen nicht erklären können, das ist die Monströsität der Tat, ihr apokalyptischer Narzissmus. Der Pilot wollte nicht nur der eigenen Lebenszeit ein Ende setzen, sondern auch dem Leben vieler Mitmenschen. Mit dem eigenen Tod sollte auch das Leben selbst verlöschen und die Welt untergehen, zumindest ein möglichst großer Teil von ihr. Der Philosoph Hans Blumenberg hat diesen apokalyptischen Narzissmus einmal die wahnhafte Verbindung aus "Lebenszeit und Weltzeit" genannt, ein ungeheures Verlangen: Wahnhaft macht sich die eigene Lebenszeit zum Maß aller Dinge – sie definiert ihren letzten tödlichen Sinn dadurch, dass nach ihr "nichts mehr kommen darf".

Dass ein ganz normaler "Leistungsträger", ein intelligenter Jedermann aus der Provinz, sich als abgründiges Subjekt enthüllt, das wird die Normalitätsgesellschaft nicht hinnehmen wollen. Sie wird alles daransetzen, das Systemvertrauen in den Menschen wiederherzustellen; sie wird sagen, dass wir mit der Dämonie der Technik leben können, nicht aber mit der Dämonie unserer Artgenossen. Schon jetzt betreibt man exzessiv Täterforschung, und am Ende wird es heißen, der Mörder sei ein singulärer Fall und seine Krankheit nicht symptomatisch: eine rätselhafte Persönlichkeitsstörung, eine unerklärliche mörderische Verrücktheit im Reich der sauberen technischen Vernunft. "Ein absoluter Einzelfall."