Auch wenn es Schöngeister verbittern mag: Der Markt für Oldtimer unterscheidet sich wenig vom Markt für Kunstwerke. Es ist kein Zufall, dass manche Leute beides sammeln, und noch weniger zufällig, dass Auktionshäuser, die sich auf das eine verstehen, mit dem anderen ebenso Fortune entwickeln. Man braucht vor allem ein Adressbuch. Auch der Oldtimermarkt hat seine Partys auf dem roten Teppich, den Autosalon in Singen oder den Concours d’Elegance in Pebble Beach, und er hat seine unbestrittenen Klassiker, die für Aufsehen sorgen, wann immer sie in den Katalogen erscheinen.

Der Automatismus der Sensation hat allerdings auch seine eigene Langeweile. Hauptattraktion unter den Fahrzeugen von Mercedes Benz, die das Auktionshaus Bonhams nun schon zum zweiten Mal am Firmensitz bei Stuttgart versteigerte, war wieder ein 540 K aus den dreißiger Jahren. Unbestreitbar ein schöner, schneller Wagen; mit zugeschaltetem Kompressor kam der Achtzylinder auf eine damals erstaunliche Höchstgeschwindigkeit von 180 Stundenkilometern. Unbestreitbar, dass die Zwei- und Viersitzer aus der Baureihe W 29, die in unterschiedlichen Ausführungen, teils offen, teils geschlossen, von 1936 bis 1939 gebaut wurden, zu den begehrtesten und seltensten Oldtimern überhaupt gehören. Auf der (ausnahmsweise bestreitbaren) Liste der zehn teuersten alten Autos der Welt befinden sich allein zwei 540 K; einer wurde schon einmal für 4,6 Millionen Dollar, der andere für 9,7 gekauft. Aber so selten sind sie offenbar auch wieder nicht, sonst hätte Bonhams nicht bereits 2014 bei seiner ersten Auktion in Stuttgart einen 540 K ausloben können. Entsprechend konnte das diesjährige Exemplar gerade mal 2,7 Millionen Euro erzielen.

Die Kenntnis der tatsächlich erhaltenen Exemplare gehört zur wichtigsten Expertise eines Oldtimer-Sammlers, und sie ist nicht immer so leicht zu erlangen wie bei manchen Ferrari-Modellen, von denen vielleicht nur zwei, drei oder fünf Exemplare gebaut wurden, sodass ihr weiterer Verbleib nicht ins Gewicht fällt. Unzweifelhaft ist die Seltenheit auch, wenn sie auf dem Vorbesitz (etwa durch einen berühmten Schauspieler) oder auf der Verwendung (in einem berühmten Rennen) beruht; Beispiel für Letzteres war in der Auktion der Mercedes C, der unter anderem von Juan Pablo Montoya 1996 in Silverstone gefahren wurde (er fand auf der Auktion keinen Käufer).

In allen anderen Fällen ist die Marktübersicht schwerer zu erlangen, als man glaubt; schon ein Scheunenfund, wie er vor Kurzem in Frankreich gemacht wurde, kann die Kostbarkeit der, sagen wir einmal, prächtigen Maserati aus den sechziger Jahren stark mindern.

Von den 540 K wurden 419 Stück gebaut; angenommen, es wäre nicht ein halbes oder meinetwegen ganzes Dutzend erhalten, wie der Markt offenbar derzeit glaubt, sondern es wären womöglich mehr als zweihundert, dann gingen die Preise schnell auf ein Niveau zurück, auf dem sich andere schöne und interessante alte Autos bewegen, das heißt meist so um eine Million Dollar. Es gibt auch spektakuläre Oldtimer für hunderttausend Dollar, Lamborghini beispielsweise, aber damit liegt ihr Preis als Antiquität noch immer unter dem ehemaligen Neuwert, und sie fallen als wirkliche Spekulationsobjekte aus. Man darf nicht vergessen (aber manche Sammler tun es), dass Oldtimer bewegt werden müssen, damit sie nicht kaputtgehen; aber um ihre Fahrtüchtigkeit zu erhalten, müssen sie unablässig gepflegt und repariert werden, was zu der deprimierenden Faustregel 3 : 1 führt – auf drei investierte Dollar oder Euro kommt ein Dollar (oder Euro) am Markt.

Der andere Preisfaktor, nicht minder desillusionierend, ist die populäre Bekanntheit der Marke. Kennerschaft allein, die um die technische Delikatesse einer längst vergessenen Automobilproduktion weiß, reicht nicht für die dauerhafte Wertschätzung des Marktes. Es ist mit Oldtimern nicht anders als mit der Kunst der Moderne – zur Qualität und Seltenheit muss noch ein Name dazukommen, den jeder kennt, Picasso, van Gogh oder wenigstens Damien Hirst. Jeder irgend erklärungsbedürftige Name senkt den Wert beträchtlich. Das etwas öde Resultat für den Oldtimermarkt: Die meisten Spitzenlose der Auktionen teilen sich Mercedes-Modelle der Vorkriegszeit und Ferrari der Nachkriegszeit. Von beiden gibt es nicht mehr viele, und die Marken kennt jeder.

Unterhalb dieser Stars (zu denen sich natürlich noch vergleichbare wie Hispano Suiza, Maserati, Aston Martin, Bentley gesellen) ähnelt der Markt der alten Autos dem Markt für alte Grafik, er ist eine Angelegenheit der echten Spezialisten und Enthusiasten, deren Sachkenntnis Preissprünge verhindert. Ihr Augenmerk richtet sich im Allgemeinen auf Wagen, die schon zur Bauzeit teuer, selten und anspruchsvoll waren. Großserienfahrzeuge bleiben, so grausam es klingt, in der Regel immer Gebrauchtwagen, wie alt sie auch werden, und erlangen selten den Ritterschlag zum Oldtimer. Man konnte das schon im Katalog der Bonhams-Auktion sehen; die letzten glaubwürdigen Klassiker in der Chronologie sind die Mercedes SL der sechziger Jahre, die aufgrund ihres merkwürdig konkav geformten Daches den Spitznamen Pagode tragen. Selbst diese aber bleiben mitunter unverkäuflich oder erzielen nur Gebrauchtwagenpreise, wie jetzt einer der angebotenen Wagen, der auf 48.340 Euro kam.

Die folgenden Modelle, auch die seinerzeit teuersten Zwölfzylinder und (eingeschränkt) eleganten Roadster strahlen eine Banalität aus, der auch die bemühteste Katalogpoesie nicht abhelfen konnte. Es sind bestenfalls Schnäppchen, deren Reiz sich in ihrer erhaltenen Fahrtüchtigkeit erschöpft. Der größte Makel ist ihre erkennbare Nähe zum Design der Alltagsbaureihen. Was der Marketingexperte als Familienähnlichkeit schätzt – die Markenidentität –, wird zum Malus auf dem Oldtimermarkt. Ein Auto wie alle anderen ihrer Zeit muss man, von Ausnahmen abgesehen, nicht teuer bezahlen. Und so erzielte etwa Los 145 lediglich 23.000 Euro.

Es gibt allerdings eine charakteristische Ausnahme, und das sind Autos, die zu ihrer Zeit zwar auf dem Massenmarkt verkauft, aber wenig geschätzt wurden. Da die meisten auf dem Schrottplatz landeten, können die wenigen erhaltenen plötzlich sehr teuer werden – Beispiele sind der Citroën 2CV (die sogenannte Ente), der Fiat 500 mit seinen teils bizarren Varianten oder die BMW Isetta, die ebenfalls merkwürdige Ableger hatte (BMW 600 und 700). Aber auch deren Konjunktur beruht auf Expertenwissen; man muss sich schon gut auskennen, um in der modisch flotten Stufenheckkarosserie eines BMW 700 (mit angedeuteten Heckflossen) die Gene einer Isetta zu erkennen – oder den Klang des Zweizylinderboxermotors herauszuhören, der aus dem Programm der BMW-Motorräder stammte.

Was verwandelt ein Auto in einen Oldtimer? Das bloße Alter von mindestens dreißig Jahren ist nur ein Kriterium der Zulassungsbehörden, die daraufhin ein entsprechendes Kennzeichen verleihen. Unwahrscheinlich, dass jemals ein VW Golf zu einem begehrten Sammlerobjekt werden könnte; schon die durchdringende Langeweile der Perfektion spricht dagegen. Etwas Imperfektes wie eine gewagte technische Besonderheit, Handarbeit in Kleinserie, aber auch Extravaganz in Aussehen und Handling gehören immer dazu. Die kaum beherrschbaren, händisch zusammengeschluderten und leicht nuttigen TVR aus Großbritannien (gebaut bis 2006) werden gewiss Klassiker – die ausgewogenen Mercedes von heute nie. All das spricht gegen die Spekulation, ein erprobtes Großserienfahrzeug lange genug in der Garage aufzubewahren. Die meisten künftigen Oldtimer werden schon als solche geboren.