Wenn Jesus heute gekreuzigt würde – kaum eine seriöse Zeitung würde die Bilder seines Martyriums zeigen. Vielleicht im kleinen Format, auf einer hinteren Seite. Vielleicht in einer gepixelten Version. Und es könnte passieren, dass nicht nur die Wundmale, sondern auch das Gesicht des Heilands gepixelt würden. Denn westliche Qualitätsmedien scheuen sich heute, die Opfer von Krieg und Folter abzubilden, hat sich doch in unserer Gesellschaft die Meinung durchgesetzt, es sei pietätlos oder, wie die Amerikaner sagen, inappropriate, den Gemarterten ins Gesicht zu sehen. Jesus, der gewaltsam starb, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, hätte es schwer, heute zur Ikone des Friedens zu werden.

Das ist bitter. Denn am Karfreitag verkehrte sich die Absicht der Mörder ins Gegenteil. Am Kreuz wurde sichtbar, wie erbärmlich im Unrecht diejenigen waren, die gerufen hatten: "Kreuziget ihn!" Jesus, indem er den Opfermechanismus an sich selbst vollziehen ließ, entlarvte ihn. Das ist das eigentliche Wunder von Ostern. Es bedurfte der Auferstehung kaum mehr, um die symbolische Niederlage der Gewalt zu besiegeln. Mit den Worten des Paulus an die Kolosser: "Christus hat die Gewaltigen ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt." Man kann es auch moderner ausdrücken, so wie der französische Religionsphilosoph René Girard: "Die Gewalt offenbart unwissentlich, was sie verbergen will."

Heute wollen wir die Gewalt lieber verbergen, obwohl die Tötungsart der Kreuzigung in Syrien und im Irak wieder Konjunktur hat. Offenbar glauben wir nicht mehr an die zivilisierende, abschreckende, kathartische und, religiös gesprochen: die erlösende Kraft des Kreuzes. Das ist bemerkenswert, weil Christen heute immer noch recht hingebungsvoll das Osterfest feiern. Einige nehmen den Karfreitag noch gern als Anlass zum Fasten, andere hören rituell die Matthäus-Passion, aber die allermeisten, auch viele gläubige Christen, überspringen gern das Kreuzigungsgeschehen, um gleich zur Auferstehungsfreude überzugehen. Nun ist gegen Freude nichts einzuwenden. Und in einer freien Gesellschaft wird niemand gezwungen, zu glauben, dass Gott seinen Sohn am Kreuz opferte, um die Menschheit zu erlösen. Aber Ostern ist kein lustiges Ostereierfest. Und die Angst vor dem Karfreitag, nennen wir es ruhig pathetisch die Kreuzesvergessenheit, hat auch etwas Mitleidloses und Antiaufklärerisches.

Vor wenigen Jahrzehnten provozierten Kriegsfotos aus Vietnam noch Tausende Amerikaner zum Demonstrieren gegen diesen Krieg und trugen so zu dessen Ende bei. Heute sehen wir uns den Sieg über die Gewalt am liebsten in gewalttätigen Filmen an, weil das nun mal bequemer ist. In der Realität möchten wir, dass das Gesicht des amerikanischen Journalisten James Foley vor seiner Enthauptung durch den IS gepixelt wird – so als müsste der Ermordete sich seiner Ermordung schämen. Und nicht nur Propagandabilder, auch die Fotos von Kriegsreportern, die unter Einsatz ihres Lebens das Leid Unschuldiger dokumentierten, werden von vielen Redaktionen und Lesern abgelehnt. Begründung: Wir wollen keine Voyeure des Grauens sein.

Voyeuristisch wäre es in der Tat, jene Toten zu zeigen, wie wir sie nach Flugzeugabstürzen, Erdbeben oder Tsunamis beklagen. Es gibt kein seriöses Erkenntnisinteresse an solchen Bildern, allenfalls können Fotos von Naturkatastrophen Hilfe mobilisieren. Ganz anders bei jenen Opfern, die heute noch ihren Karfreitag erleben: die dem Mord aus Prinzip, dem politisch oder religiös motivierten Hass zum Opfer fallen. Ihre Mörder wollen Macht demonstrieren, und wo sie foltern, treiben sie die Machtdemonstration ins Extrem. Haben wir Angst, der Folterpropaganda zu erliegen? Oder haben wir Angst vor der blutigen Wahrheit?

Am Abend vor seiner Kreuzigung spricht Jesus zu den Jüngern: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Diese Wahrheit aber ist schmerzhaft. Sie handelt weniger von Jesus als von uns – und besagt, dass Menschen andere Menschen zu Sündenböcken machen; dass die Menge sich im Hass verbündet, um den "Anderen" zu töten; und dass Mord gemeinschaftsstiftend wirken kann. Jesus Christus überwindet das Leiden, indem er es zeigt. Er erträgt die Qualen und bittet sogar um Vergebung für seine Mörder. Eine extreme Provokation. Das Osterparadox aber besteht darin, dass die Erlösungstat am Kreuz eben nicht alles irdische Leiden beendet.

Gelitten wird weiterhin, auch unter Folter. Die Wunden nicht sehen wollen heißt, nicht verstehen wollen, um nicht handeln zu müssen. Vielleicht fällt es uns so leicht, Mitgefühl für die Opfer des Flugzeugabsturzes in Frankreich zu empfinden, weil aus ihrem tragischen Tod kein moralischer Imperativ folgt. Wenn wir hingegen einen Mann sehen, der in Syrien ans Kreuz geschlagen wurde, oder ein verstümmeltes Kind im Irak, stellt sich die Frage: Was müssen wir tun, um dies zu beenden? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Sie konfrontiert uns mit unserer eigenen Hilflosigkeit, Verletzlichkeit, Sterblichkeit. Deshalb schauen wir lieber weg.