DIE ZEIT: Herr Moroder, seit sich das Elektropop-Duo Daft Punk mit dem Song Giorgio by Moroder vor ihnen verneigte, ist ihr Vorruhestand beendet. Wann haben Sie das neue Interesse an Ihrer Person bemerkt?

Giorgio Moroder: Seit mich Leute bis auf die Straße verfolgen. Wenn ich in Los Angeles, wo ich wohne, irgendwo den Mund aufmache, sprechen mich immer wieder Fremde an und fragen, woher sie mich kennen könnten. Manchmal fühle ich mich, als wenn ich mit einem riesigen Schild rumlaufen würde, auf dem steht: "Ja, ich bin Giorgio Moroder."

ZEIT: In dem Daft-Punk-Song Giorgio by Moroder erzählen Sie Ihre Lebensgeschichte, die dann mit Techno-Beats unterlegt wurde. Wie kam es dazu?

Moroder: Ich wusste erst gar nicht, was die von mir wollten, aber als ich dann zufällig mal in Paris war, luden mich Daft Punk in ihr Studio ein. Ich dachte, dass ich etwas am Keyboard spielen soll, aber sie baten mich nur, meine Lebensgeschichte zu erzählen. Ich hatte keine Ahnung, was die damit anfangen können. Ich hörte dann auch lange nichts mehr, bis Daft Punk mir eines Tages Giorgio by Moroder vorspielten, bei dem sie eine Melodie um meine Stimme programmiert hatten. Was die aus meiner Geschichte gemacht hatten, gefiel mir. Es ging mir sogar ein wenig nahe, auch wenn meine Stimme auf Englisch immer noch komisch klingt.

ZEIT: Der Disco-Klassiker I Feel Love, den Sie 1977 für Donna Summer produzierten, wird von manchen als "vielleicht einflussreichstes Stück elektronischer Musik" gefeiert. Freut Sie die späte Anerkennung?

Moroder: Das tut es tatsächlich. I Feel Love sollte ein Lied sein, das nach Zukunft klingt. Deshalb habe ich viele der üblichen Instrumente durch Synthesizer ersetzt. Das war damals schon sehr neu. In England, wo man im Pop immer etwas der Zeit voraus ist, war es dann auch schnell ein großer Hit. Danach gab es dort mehrere Gruppen, die ähnliche Sachen gemacht haben. Wenn man sich in diesem Jahrtausend die ganz moderne elektronische Tanzmusik anhört, EDM und solche Sachen, findet man viele Lieder, die eigentlich nur eine Weiterbearbeitung von I Feel Love sind.

ZEIT: Ende der Siebziger trafen Sie in New York auf die Kollegen von Kraftwerk. Angeblich hatten Sie sich nicht viel zu sagen.

Moroder: Die Kraftwerk-Jungs sind ja überhaupt sehr zurückhaltend, aber ich hatte schon das Gefühl, dass ihre Botschaft an mich war: Wir sind die wahren Elektronik-Künstler, und du machst ja nur Disco. Meine Ideen waren auch nie besonders kompliziert, ich habe einfach nur das gemacht, was ich ganz gut kann, und das waren immer Hits.

ZEIT: Sie sind in Südtirol als Hansjörg Moroder aufgewachsen. Gab es für Sie einen Plan B?

Moroder: Ich sollte Geometer werden, eine Art Architekt; laut italienischem Gesetz hätte ich als Geometer Häuser bauen dürfen, die nicht höher als zwei Stockwerke sind. Dieser Beruf wäre der Wunsch meiner Mutter gewesen. Als ich das aufgab, war sie traurig. Selbst als ich dann später erfolgreich war, sagte meine Mutter immer: Alles ganz schön, aber wenn du Geometer geworden wärst, könntest du hier bei der Gemeinde angestellt sein, und dein Leben wäre abgesichert.

ZEIT: Wann beschlossen Sie, Ihre Laufbahn als Geometer vorzeitig zu beenden?

Moroder: Mit dem ersten ernst zu nehmenden Angebot, als Musiker zu arbeiten. Dabei war ich katastrophal schlecht, aber der Pianist und der Schlagzeuger, die mich anheuerten, brauchten dringend einen Gitarristen. Ich war neunzehn, und wir spielten in Hotels und Nachtclubs in ganz Europa. Nach zwei Wochen sagte der Pianist zu mir, lass mal die Gitarre, das geht ja gar nicht, versuch es mal mit einem Bass. Also lernte ich, Bass zu spielen, und das ging dann so gut, dass ich neun Jahre dabei blieb.

ZEIT: In Berlin blieben Sie 1967 hängen. Bekamen Sie die Studentenunruhen mit?

Moroder: Nur ein bisschen, ich habe ja nicht studiert, sondern immer nur gearbeitet. Natürlich war die Atmosphäre in Berlin durch die Mauer bedrückend. Und ich erinnere mich, dass es immer ein Problem war, wenn ich mit meinem VW die ganzen Kontrollen an der Grenze passierte. Ich verfolgte aber, was die Berliner Elektronik-Musiker wie Klaus Schulze und Tangerine Dream damals trieben; die hatten schöne Melodien und benutzten ihre Synthesizer sehr eindrucksvoll.