"Wir haben mindestens vierzig Altäre in der Fabrik", erklärt Prem Singh, der Chefingenieur des "Omega"-Stahlwerks im nordindischen Faridabad. Neben dem Eingangstor zum Gelände ist vor Kurzem sogar ein richtiger kleiner Tempel gebaut worden, eine Art religiöses Wärterhäuschen. "Gott und Produktion sind eng verknüpft in Indien", sagt Singh.

Omega ist ein Familienbetrieb mit siebzig Beschäftigten, keine seelenlose Fertigungsmaschine. Die Arbeiter sollen sich hier zu Hause fühlen. Was nicht heißt, dass es irgendwelche Kompromisse bei der Professionalität gibt. Die Stahlstangen, die aus dem Omega-Werk kommen, werden für Stoßdämpfer oder Lenkgestänge in Autos und Zweirädern von internationalen Unternehmen wie Honda verwendet, die in Indien nach ihren weltweiten Standards produzieren. Da kann man die Qualitätskontrolle nicht den Göttern überlassen.

Prem Singh, ein seemannshaft-robust aussehender Mann aus der Religionsgruppe der Sikhs mit ihrem typischen Bart und Turban, hat nie Ingenieurwissenschaften studiert. Er musste mit 14, nach dem Tod seines Vaters, die Schule verlassen und hat in einer Werkstatt der indischen Staatsbahn als Lehrling angefangen. Maschinen faszinierten ihn, er lernte, sie zu zeichnen, er nahm sie vor seinem geistigen Auge auseinander. Später, bei Omega, begann er sie zu reparieren. Es waren teure, importierte Anlagen zur Stahlverarbeitung; die gelernten Mechaniker wollten den Autodidakten nicht an die Geräte lassen – aber er hatte die technischen Beschreibungen gelesen, um die sie sich nie gekümmert hatten. Daher hielten seine Reparaturen, während ihre meist schon nach kurzer Zeit wieder versagten.

Nach zwei Jahren konnte Singh Ersatzteile, die vorher aus dem Ausland eingeführt werden mussten, selbst herstellen. Wieder drei Jahre später hatte er eine Variante der Maschine konstruiert, die kleiner war als die importierte Anlage. Inzwischen hat er neben seinem Job bei Omega einen eigenen Betrieb, in dem er seine Anlagen für Auftraggeber in ganz Indien baut; es gibt sogar Bestellungen aus Polen, Vietnam und Südamerika. Singhs Maschinen kosten umgerechnet gut 70.000 Euro, ein vergleichbares Modell aus Taiwan etwa 300.000 und eines aus Italien oder Deutschland sogar mehr als eine Million.

Bastler wie Prem Singh sind Schlüsselfiguren für die ökonomische Zukunft Indiens – und womöglich für tiefe Umbrüche in der Weltwirtschaft. Die Regierung des 2014 gewählten Premierministers Narendra Modi hat schon eine neue industrielle Revolution ausgerufen. Seine Botschaft wird Modi auch bei seinem Deutschlandbesuch Ende kommender Woche verkünden. Zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel wird er die Hannover Messe eröffnen, die größte Industriemesse der Welt. Mehr als 300 indische Firmen stellen dort aus, so viele waren es noch nie. Deutschland mit seinen Unternehmen ist ein begehrter Kooperationspartner für die Inder. Es gilt in Indien als Inbegriff von Ingenieurkunst und neuerdings auch von technologisch unterfüttertem Umweltbewusstsein.

Den Vorzeigesektor der indischen Wirtschaft bilden heute international erfolgreiche Dienstleistungs- und Technologiefirmen wie die Software-Ikone Infosys. Aber mit anspruchsvoller Service-Ökonomie allein kann man die dringend benötigten modernen Arbeitsplätze für Hunderte von Millionen Menschen nicht schaffen. Indien will daher seine Industrieproduktion massiv ausbauen – von derzeit 15 auf 25 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Unter dem Slogan "Make in India" hat die Regierung eine Kampagne gestartet, die Investoren mobilisieren soll: Dazu gehören weniger Genehmigungs- und Aufsichtsbürokratie, mehr Offenheit für ausländisches Kapital und ein flexibleres Arbeitsrecht. Per Verordnung hat das Kabinett bereits den Erwerb und die Nutzung von Land für Produktionszwecke erleichtert. "Der einzige Weg, Indien zu einer ökonomischen Supermacht zu machen, ist seine Verwandlung in ein globales Zentrum der Industrie", sagt Narendra Taneja, der energiepolitische Sprecher der Regierungspartei BJP. Das würde eine gewaltige soziale Umwälzung für ein Land bedeuten, in dem gegenwärtig die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeitet. Es würde zugleich eine riesige neue Exportnation, eine kolossale zusätzliche Größe in der internationalen ökonomischen Rechnung schaffen.

Die Industrialisierungsoffensive wird in einer Zeit gestartet, in der andere Aufsteigerländer wie Brasilien, Südafrika und Russland in Krisen stecken. Die Prognosen für Indien sind aber günstig. Der Aktienmarkt ist seit Modis Wahlsieg im vergangenen Mai in Hochstimmung. Der Internationale Währungsfonds sagt voraus, dass die indische Wirtschaftsleistung jährlich bald schneller wachsen werde als die chinesische: 2016/17 mit 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Wird Indien nun die nächste überdimensionale asiatische Erfolgsgeschichte, eine globale Fabrik des 21. Jahrhunderts – das neue China?

Die Antwort darauf hängt von erfinderischen Einzelkämpfern wie Prem Singh mindestens so sehr ab wie von den multinationalen Konzernen, die auf dem Subkontinent ihre Produktionsstätten aufbauen. "Industrie" sind in Indien nicht bloß große oder technologisch hochgerüstete Werke. "Industrie" ist hier eine kleinteilige, vielfältige Landschaft des Werkelns und Herstellens, mit fließenden Übergängen zwischen Handwerk und Massenfertigung, mit einem erheblichen Anteil von traditionellen Branchen wie Weberei, Lederverarbeitung oder Schmuckherstellung.