Ein Kaninchen ist kein Hase, und Kaninchen ist nicht gleich Kaninchen. Das mal gleich vorweg, sagt Frau Pfeiffer. "Kaninchen sind echte Persönlichkeiten." Sagt Frau Pfeiffer auch.

Zum Beispiel Flocke und Blacky, die sich ihren Auslauf mit zwei Glatthaar-Meerschweinchen teilen. Sie, Flocke, "supersozial", sagt Sabine Pfeiffer, die seit 26 Jahren als Tierpflegerin im Hamburger Tierheim arbeitet. "Flocke kann ich in jede Gruppe setzen, sie regelt dann die Situation."

Und er, Blacky, "superlieb". Aber Blacky ist auch ein sensibles Gemüt: Wenn ihn etwas nervt, macht er schnorchelnde Geräusche, einfach so. Ein solches Gebaren würde Flocke nie einfallen. Sie schaut im Zweifel lieber streng, aus leuchtend roten Augen. Das sieht ein wenig so aus, als gingen im Käfig zwei Bremslichter an.

Für die Vermittlung macht sich das nicht so gut. Das ist schade. Denn das Hamburger Tierheim an der Süderstraße hat ein Kaninchenproblem. Eine Kaninchenschwemme. In den Ausläufen, Ställen, Gehegen, ja sogar im umfunktionierten Pferdestall leben derzeit 110 Kaninchen, das ist ein Höchststand, ein Drittel mehr als sonst. Allein 104 wurden seit Anfang Februar abgegeben.

Und das ist noch nicht alles. Ganz Hamburg erlebt eine Kaninchenschwemme. Auch die wilde Population nimmt stark zu, und das kann vielerorts, etwa wenn die Kaninchen den Boden am Flughafen oder an Bahnanlagen bis zur Instabilität untertunneln, ein Problem sein. Erst für den Menschen, dann für das Kaninchen. Es wird abgeschossen. Kaninchenfleisch soll würzig und zart schmecken.

Hamburg ist eine wachsende Stadt, auch in Bezug auf das Kaninchen. Aber warum eigentlich?

Die Frage passt gut in diese Tage vor Ostern – und das natürlich nicht, weil wir bei der ZEIT Kaninchen mit Hasen verwechseln. Vielmehr ist ihre Zähmung eng mit dem Fest verknüpft: Um in der Fastenzeit nicht auf Fleisch verzichten zu müssen, erklärte Papst Gregor I. im Mittelalter neugeborene Kaninchen kurzerhand zu Fischen. Daraufhin legten Mönche einen Vorrat dieser hoppelnden Fische an. So begann der Aufstieg des Kaninchens bis in die Wohn- und Kinderzimmer der Deutschen.

Es ist eine erstaunliche Karriere für ein erstaunliches Haustier. Eine Katze kann ein Kuscheltier sein oder elegantes Accessoire. Ein Hund ist gleichermaßen Gefährte wie Visitenkarte. Ob jemand mit einem schokoladenbraunen Labrador daherkommt oder mit einem Dobermann, sagt so viel über ihn aus wie sonst nur die Automarke. Aber was sagt ein Kaninchen über seinen Halter aus? Was will der Stadtmensch vom Kaninchen und umgekehrt?

Das Thema führt in einen Baumarkt am Rand von Harburg und einmal um den Eppendorfer Mühlenteich herum und dann zu Heinz und Heinz nach Kirchdorf, die seit den fünfziger Jahren Mitglieder in Hamburgs größtem Kaninchenzüchter-Ortsverein sind, HH44 Wilhelmsburg-Ost. "Ich sag meinen Kindern immer: Erst die Kaninchen, dann die Familie", sagt der jüngere Heinz. "Sag ich auch", sagt der ältere Heinz.

Und dann geht es natürlich noch in die Süderstraße, ins Tierheim, Kleintierhaus.

Beim Betreten der Baracken passiert für gewöhnlich etwas. Doggen mit Köpfen, groß wie Medizinbälle, werfen sich gegen Gitter. Schrubbbürstengleiche Terrier hüpfen im Kreis. Ein Kater knurrt. Papageien johlen.

Beim Betreten des Kleintierhauses passiert erst mal: nichts. Sitzt in dem Stall überhaupt ein Tier? "Susi ist sehr schüchtern", sagt Pflegerin Sabine Pfeiffer. Das Widderkaninchen Susi drückt sich in eine Ecke. Mit seinen hängenden Ohren sieht es aus wie eine Kreuzung aus Cockerspaniel und Hamster. Susi ist schon seit einem halben Jahr im Heim – eigentlich dauert die Vermittlung eines Kaninchens nur 18 Tage.

"Aber die ängstlichen Tiere haben es schwer", sagt Pfeiffer. Die verklemmten Kaninchen, die humpelnden, die mit den schiefen Zähnen: Die holt so schnell keiner ab. Das Karnickel hat als Haustier vor allem eine Aufgabe: süß sein. Denn der Mensch liebt nur, was schön ist.