Daniil Granin habe ich im Januar 2014 persönlich kennengelernt. Damals wurde er zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus nach Berlin eingeladen und hat im Deutschen Bundestag über die Schlacht um Leningrad gesprochen. Wir trafen uns zum Gespräch, weil wir zu den wenigen noch Lebenden gehören, die sich damals an der Leningrader Front gegenüberstanden.


In seinem Roman Mein Leutnant, der in Russland bereits 2012 mit dem Literaturpreis "Großes Buch" ausgezeichnet worden ist, schreibt Daniil Granin über seine Kriegserlebnisse. Granin wagt darin eine wahrhaftige Kriegserzählung, ohne all die schrecklichen Grausamkeiten zu verschweigen. Er beschreibt den Krieg aus der Sicht eines unerfahrenen jungen Mannes, der sich 1941 freiwillig zur Armee meldete und – weil es nicht genügend Waffen für die Soldaten gab – unbewaffnet in den Kampf zog oder, wie Granin es ausdrückt, "in den Fleischwolf des Krieges geworfen wurde". Er erzählt hier seine "Schützengrabenwahrheit", wie er es selbst nennt.

Der Zweite Weltkrieg war der bislang größte militärische Konflikt in der Geschichte der Menschheit und die schlimmste Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Allein der Blockade Leningrads fielen rund eine Million Menschen zum Opfer. Die Deutschen marschierten nicht ein, obgleich ihnen die Stadt offen stand. Der Hungertod der Einwohner war geplant, die Bevölkerung Leningrads fiel einer Aushungerungsstrategie Hitlers zum Opfer. Fast 900 Tage lang war die über drei Millionen Einwohner zählende Stadt vom Hinterland abgeschnitten. Dies war uns deutschen Soldaten 1941 nicht bewusst, wir wussten nichts von den grausamen Plänen. Auch heute, siebzig Jahre später, wissen wir Deutschen nur sehr wenig davon.

Als Hitlers Herrschaft im Januar 1933 begann, war ich vierzehn Jahre alt. Im Jahre 1937 habe ich mich wie die meisten anderen Abiturienten vorzeitig zur Ableistung meiner Wehrpflicht gemeldet, um mein damals geplantes Architekturstudium später nicht unterbrechen zu müssen. Dies war, wie sich zeigen sollte, eine Fehlentscheidung; denn meine Wehrpflicht dauerte praktisch acht Jahre. Den Ausbruch des Krieges haben wir wie ein Naturereignis hingenommen, das man nicht verhindern kann. Damals begann für mich das, was ich eine gespaltene Bewusstseinslage nennen könnte: Während ich einerseits den Nationalsozialismus ablehnte und ein schlimmes Ende des Krieges erwartete, zweifelte ich andererseits nicht an meiner Pflicht, als Soldat für Deutschland einzustehen. Ich hatte einen jüdischen Großvater; aber ich dachte: Ich muss meine vaterländische Pflicht erfüllen so wie alle anderen auch. So ist es den meisten deutschen Soldaten ergangen. Man kann als Deutscher die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs auch eine Tragödie unseres Pflichtbewusstseins nennen, das Hitler benutzt und missbraucht hat.

Kurz nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wurde ich an die russische Front versetzt. Ich war bei der 1. Panzerdivision, und wir haben den Vorstoß auf Leningrad mitgemacht. Unsere Division wurde aber schnell abberufen und in Richtung Moskau in Marsch gesetzt. Vor Moskau vertiefte sich meine Bewusstseinsspaltung. Ich war ganz sicher: Diesen Krieg werden wir verlieren. Leider hat es länger gedauert, als ich gehofft hatte. Es hat viel zu lange gedauert. Aber in der Weite Russlands hat sich das Schicksal Napoleons wiederholt.

Ich habe Hitler damals für einen Verrückten gehalten. Dass er ein Verbrecher war, habe ich erst im Sommer 1944 begriffen, als ich einen Tag lang als Zuhörer im Volksgerichtshof war. Ich habe gehört und gesehen, wie mit den angeklagten Widerstandskämpfern umgegangen wurde. Der Prozess war ausschließlich auf menschliche Entwürdigung und seelische Vernichtung ausgerichtet. Damals habe ich begriffen, dass die Anführer der Nazis Verbrecher waren. Die Deutschen mussten den Krieg verlieren.

Daniil Granin ging 1941 freiwillig an die Front, er war bereit, für sein Land zu sterben. Granin und ich, wir sind beide heute 96 Jahre alt und haben die schlimmen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges hinter uns. Seit Beginn der Blockade Leningrads sind inzwischen über siebzig Jahre vergangen. Persönlich lernten wir uns 2014 kennen, in einer Zeit, in der es fast unvorstellbar erscheint, dass wir uns je als Feinde gegenüberstehen konnten. Aber damals haben Granin und ich an derselben Front auf zwei verschiedenen Seiten gekämpft. Und wir hatten Glück. Wir haben beide den schlimmen Krieg überlebt. Heute treffen wir uns als Freunde, nicht als Feinde. Das ist ein wunderbares Geschenk der Geschichte.

Nach Kriegsende bin ich 1966 das erste Mal in Leningrad gewesen. Mit einem Pkw bin ich mit Ehefrau und Tochter nach Prag, Warschau, Moskau, Leningrad und dann nach Finnland gereist. Damals habe ich gemerkt, dass der gegenseitige Hass und auch die Angst noch vorhanden waren. Aber heute ist von dem Hass nichts mehr zu spüren.

Die Russen sind die stärkste und größte europäische Nation. Sie werden dies auch im 21. Jahrhundert sein. Deutsche und Russen werden Nachbarn bleiben, so wie sie es seit Peter dem Großen oder Katharina der Großen gewesen sind. Und wir alle gehören zu Europa. Für den Zusammenhalt in Europa existieren mindestens zwei Elemente, die Hoffnung geben. Alle Europäer haben die gleiche klassische Musik – Mussorgski, Prokofjew, Glinka, Vivaldi, Bach, Mozart, Beethoven, Schostakowitsch. Die Musik benötigt keine Übersetzung. Und wir haben eine gemeinsame Literatur, obwohl wir alle verschiedene Sprachen sprechen. Das gibt es auf keinem anderen Kontinent.

Für uns Deutsche wird in Europa weiterhin gelten: Wir haben mit allen unseren Nachbarn Jahrhunderte gemeinsamer Geschichte hinter uns, relativ selten im Guten, häufiger im Schlechten. Unsere geografische Lage inmitten des relativ kleinen europäischen Kontinents hat unser Territorium immer wieder zum Schlachtfeld gemacht – am schlimmsten im Dreißigjährigen Krieg in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Unzählige Bürger und Soldaten haben ihr Leben verloren. Dennoch haben am Ende des 20. Jahrhunderts die allermeisten Russen – und ähnlich die Polen – ihren Hass auf uns Deutsche hinter sich gelassen.

Frieden ist ein unschätzbares Gut. Das Buch von Daniil Granin erinnert sehr eindringlich daran. Frieden ist jedoch alles andere als selbstverständlich, wie wir heute am Konflikt um die Ukraine sehen können. Sowohl die gegenwärtigen Handlungen Russlands als auch die der Ukrainer, der Europäischen Union und der Nato sind geeignet, den Frieden in Europa erheblich zu gefährden. Heute gilt es, alles dafür zu tun, den Frieden in Europa zu erhalten. Russland ist der größte Partner und der mächtigste Nachbar in Europa. Ohne Russland kann es in Europa keinen Frieden geben.