1. Die Araber fangen an, sich selbst zu verteidigen – ohne die USA

Über Jahrzehnte haben sich die Araber – oft zu Recht – über Interventionen nicht arabischer Staaten in ihrer Region erregt. Nun dürfen sie sich über sich selbst aufregen. Die Luftangriffe der Golfstaaten im Jemen drehen die Logik der Interventionsgeschichte im Nahen Osten um. Nicht die Briten oder Amerikaner greifen in dem zerrütteten Land am Golf von Aden ein, sondern arabische Staaten unter der Führung Saudi-Arabiens. "Entschiedener Sturm" heißt die Kampagne für den regime change im Jemen. Die schiitischen Huthis, die vor Kurzem gewaltsam die Macht eroberten, sollen verdrängt, der bis Januar amtierende Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi wieder eingesetzt werden. So planen die Saudis in geradezu westlicher Manier.

Die arabische Welt ist der klassische Manöverraum der Kolonialmächte gewesen. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches teilten Briten und Franzosen das Gebiet unter sich auf, die Italiener griffen sich später noch das heutige Libyen. Im Zweiten Weltkrieg begannen die USA, die absteigende Weltmacht Großbritannien abzulösen. Und waren seither die Macht, die vom Sturz des iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh 1953 bis zum Fall von Saddam Hussein 2003 die Region gestalteten. Das hat sich unter Barack Obama geändert.

Das saudische Königshaus ist von Obamas Zurückhaltung mehr beunruhigt als von der militanten Übergriffigkeit seines Vorgängers. Jetzt greifen die Saudis ihrerseits nach der Führung. Die postimperiale Epoche der arabischen Selbstermächtigung hat begonnen: Auf dem Gipfeltreffen der Arabischen Liga am vergangenen Sonntag regte der Verbündete und Subventionsempfänger Ägypten die Schaffung einer Schnellen Eingreiftruppe der Arabischen Liga an. Auch wenn sie beschlossen wurde, ist noch nicht sicher, ob sie am Ende kommt. Aber die arabischen Staaten finden sich schon jetzt zu Moment-Koalitionen zusammen, um in Nachbarstaaten einzugreifen. So geschehen in Libyen im vergangenen Jahr, als Ägypten und die Emirate Islamisten bombardierten. Und nun im Jemen, wo die saudisch geführte Koalition der Willigen eingreift. Das dürfte nur ein Anfang sein.

2. Die Amerikaner verlieren die Kontrolle über den Nahen Osten

Die große Lücke hat Washington gelassen. Der allmähliche Rückzug der Weltmacht folgte nach acht Jahren der imperialen Verausgabung unter George W. Bush. Präsident Barack Obama beendete die Kriege seines Vorgängers – und ermunterte die amerikanischen Verbündeten, die Dinge stärker in die Hand zu nehmen. Mit den Atomverhandlungen versucht er jetzt, den seit 35 Jahren andauernden amerikanisch-iranischen Konflikt zu entschärfen.

Doch Rückzug ersetzt keine Nahostpolitik, welche die Amerikaner gleichwohl brauchen. In den vergangenen Jahren mussten die USA die richtigen Antworten auf die arabischen Aufstände wie auf ihr Scheitern finden, auf iranischen Widerstand wie arabische Empörung. Zuletzt kam Netanjahus Widerständigkeit hinzu. Man hat vieles ausprobiert und doch an Kontrolle verloren. Amerika ist an einem Punkt der Ratlosigkeit angekommen, wo eine klare Nahostpolitik schwerer zu erkennen ist als klare Widersprüche. Im Jemen stützen die USA die saudischen Angriffe gegen die schiitischen Huthis. Im Kampf gegen die IS-Dschihadisten schützen die amerikanischen Bomber schiitisch-irakische Soldaten und iranische Milizen aus der Luft. Die US-Nahostpolitik, gewohnt, die Region zu definieren, ist zu einem Spiegel ihrer Zerrissenheit geworden.

Das findet seinen stärksten Ausdruck derzeit in der Zweiteilung der US-Außenpolitik: eine aus dem Weißen Haus und eine vom Kapitolshügel, aus dem republikanisch dominierten Kongress. Im März fielen 47 republikanische Senatoren dem Präsidenten in den Rücken und schrieben einen offenen Brief nach Teheran. Darin warnten sie, dass jedes Abkommen Makulatur sei, wenn sie 2017 die Macht im Weißen Haus übernehmen sollten. Auf dem Kapitolshügel betreiben die Senatoren eine unverhüllte Gegenaußenpolitik. Dazu gehörte auch die Einladung an Obamas nahöstlichen Gegenspieler, Israels Premier Netanjahu. Noch so ein Bruch mit alten Gewohnheiten. Amerikas Gegner und Verbündete werden sich künftig nicht darauf verlassen können, mit welcher Politik sie es zu tun haben: der von Obama oder der des Kapitols, der Zurückhaltung oder der Hau-drauf-Politik. Der Zeitpunkt könnte nicht ungünstiger sein als in unserer Epoche, in der sich ein ganzes Staatensystem in Auflösung befindet.

3. Der islamische Bruderkrieg erfasst die ganze Region

Ob Jemen oder Libyen, ob der Irak oder Syrien – diese von den Kolonialmächten geschaffenen Länder lösen sich auf. Auf einmal erkennt sich die ganze Region in dem uralten Gegensatz von Sunniten und Schiiten wieder. Alles richtet sich bereitwillig danach aus, nachdem die Gewissheiten von Nationalstaat und einem erträglich würdigen Leben darin verschwunden sind. Hinter den verblassenden Grenzen arabischer Länder tauchen die alten, dauerhaften Stammesverbindungen wieder auf, vor allem aber brennende Fragen nach Identität und Glauben. Sie zu befriedigen war den arabischen Diktatoren der postkolonialen Zeit nicht gelungen.