Die erste Ausgabe der Triennale hieß "Jünger als Jesus", das war vor sechs Jahren. Inzwischen ist das New Museum bei der dritten Ausgabe angelangt, das Konzept aber ist dasselbe geblieben: Statt der vielen Leistungsschauen mit ihren sattsam bekannten Protagonisten will man junge Künstler zeigen, auf dass sie – dem Messias gleich – uns von dem Öden erlösen. Im New Museum, einem der wichtigsten Ausstellungsorte in New York, glaubt man fest an die visionäre Kraft von taufrischer Kunst, von der man erwartet, avancierter und frecher zu sein, eben jünger. Erst recht muss das für die aktuelle Generation der unter 30-Jährigen gelten, die nicht nur mit neuen Ideen, sondern auch dem neuesten iPhone aufgewachsen sind. Und so scheint es folgerichtig, die Kunst unter den Vorzeichen einer digitalen Welt auszustellen, die alles frei offeriert, aber jeden überwacht, in die jeder sich einschaltet, die aber vieles gleichschaltet, die multimedial ist, mehrdimensional, hyperreal, oft asozial, doch immer sozial vernetzt. Eine ganze Menge also für eine Ausstellung.

Wenn es eine Arbeit gibt, die diese Widersprüche in einer ikonischen Metapher einfängt, dann ist sie dem New Yorker Kollektiv DIS mit The Island gelungen, einer weiß schimmernden Küchenzeile mit einer Liege aus hellem Leder, auf die es aus einem Regenhimmel sanft herniederprasselt. Obwohl vollkommen sinnfrei, ist dieser Koch- und Duschhybrid von einer so stromlinienförmigen Luxus-Ästhetik, dass man fast meint, das Ding schon einmal irgendwo gesehen zu haben. In gewisser Weise hat man das auch, denn es wurde zusammengesetzt aus Bildern, die DIS auf Pinterest fand, einem Sozialen Netzwerk, auf dem man Bilder von Dingen postet, die einem gefallen. Da diese Bilder aber meist von anderen Teilnehmern des Netzwerks stammen, die sie ihrerseits empfohlen bekamen, kommt es vor, dass die Vielfalt des Geschmacks zurückgeht, je größer die digitale Community wird.

Wie Pinterest und die vielen Produkte von Apple oder Google gibt sich auch die Insel als maßgeschneidertes Objekt für den User, der dabei leicht übersieht, dass nicht das Produkt für ihn, sondern er selbst durch dieses maßgeschneidert wird. "Die Insel" steht für all die Apps, Netzwerke und smarten Geräte, die versprechen, dem Menschen das Leben zu erleichtern; aber indem er sie nutzt, landet er erst recht unter dem Duschkopf der digitalen Dauerberieselung.

Die Mitglieder des Kollektivs DIS betreiben ein Blog und arbeiten nebenher auch als kommerzielle Fotografen und Modestylisten. "Die Insel" haben sie in Zusammenarbeit mit der Firma Dornbracht aus Iserlohn entwickelt, einem Spezialisten für Designer-Armaturen, und zeigen sie auch in deren Showroom im Sauerland. Wie K-Hole, die Künstler- und PR-Agentur, die das Marketing für die Triennale übernahm, oder wie der Dichter Steve Roggenbuck, der sein Werk nicht nur in Büchern publiziert, sondern Videos seiner bisweilen vollkommen unlyrischen, nämlich äußerst albernen Rezitationen auf YouTube und sein Blog stellt, gehören sie zu einer Spezies, die sich zwar auch als Künstler, aber vor allem als digitale Kreative verstehen. Die Wirkungs- und Vertriebswege ihrer hybriden Werke wollen sie nicht auf klassische Foren wie Galerieraum oder Museum beschränken. Dahinter verbirgt sich auch eine Kritik am Betriebssystem Kunst, an all dem, was es auf seinen Messen, Biennalen und Triennalen zeigt, der Kontrolle seiner Urheber entzieht und den eigenen Ausstellungs-, Deutungs- und Vermarktungsbedingungen unterwirft.

Umso erstaunlicher, dass einer, der sich selbst zu dieser jungen Avantgarde zählt, der momentan omnipräsente 1981 geborene Filmemacher Ryan Trecartin, zu den Kuratoren dieser Schau gehört. Denn großväterlich und mit der Haltung des Ethnologen blicken Trecartin und seine Kollegen mal kritisch, mal affirmativ auf die Welt, aus der die Ideen und Werke ihrer jungen Schützlinge und all jener entsteigen, die man Digital Natives, "digitale Eingeborene", nennt. Dass jeder Künstler, der nach 1980 zur Welt kam, sich in seinem Werk bewusst oder unbewusst mit Datenschutz, Onlineprofilen oder der Zerrissenheit zwischen seinem virtuellen und körperlichen Ich beschäftigt, scheint für die Kuratoren ausgemachte Sache.

Vor allem die Identitätsfrage hat es ihnen angetan. Ob die Selbstporträt-Collagen der nigerianischen Malerin Njideka Akunyili Crosby, die Avatare des britischen Videokünstlers Ed Atkins oder die grünlich schimmernde, von einem 3-D-Drucker ausgespuckte Plastik der transsexuellen Künstlerin Juliana Huxtable – all diese Arbeiten müssen partout Ausdruck einer großen Facebook-Krise sein, in der angeblich keiner mehr weiß, wer er ist, weil so viele Versionen seines Ichs im Netz kursieren. Dass sich das Künstler-Ich eigentlich schon recht lange zerrüttet zeigt, das kann hier keine Rolle spielen. Francis Bacon zerfloss, Fernando Botero blähte sich auf, Giacometti magerte ab, und Baselitz kippte um, aber eben nicht in 3-D und computeranimiert, denn das scheint der Unterschied zu sein.

Vom Glauben an die Kraft junger Kunst bleibt da nur wenig übrig. Eher ein eigentümlicher und auch hochmütiger Anspruch von Relevanz, der da an eine junge Generation gestellt wird: als würde für sie die Autonomie der Kunst nicht gelten, sondern stattdessen die Pflicht, die Stichpunkte der zeitgenössischen Kulturkritik abzuarbeiten, um ausstellungswürdig zu sein. Wenn sie es nicht tun, dann zwingt man sie aufs Duschbett von The Island und seift sie im Ausstellungskatalog kräftig mit Theorie ein.

"Surround Audience" im New Museum, New York, bis zum 25. Mai (www.newmuseum.org).

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