Harald Höppner ist zwar noch nie auf einem Hochseeschiff gefahren, aber im vorigen Dezember hat er sich eines gekauft. Es ist fast 100 Jahre alt und hat 60.000 Euro gekostet. Früher diente der Kutter dem Fischfang, aber Höppner will keine Fische fangen. Er will durchs Mittelmeer fahren, um Menschen zu retten; will in Seenot geratene Flüchtlingsboote aufspüren und Hilfe organisieren.

Das ist sein Plan, und der klingt im ersten Moment so anrührend simpel, dass ein paar gut gemeinte Zweifel daran naheliegend sind: Geht das gut, wenn ein 41-jähriger Brandenburger vom Land ohne Hochsee-Erfahrung eine Rettungsaktion auf dem Mittelmeer startet? Darf der das überhaupt? Und wird er Profis finden, die ihn unterstützen?

"Ich dachte anfangs auch, das sei unrealistisch", sagt Höppner. "Aber dann stellte sich heraus: Es ist alles gar nicht so schwer. Es gibt viele Leute, die helfen wollen, ich kann sie gar nicht alle mitnehmen." Dass und wie schnell Höppner Helfer gefunden hat, sagt einiges über die Kraft einer einfachen Idee, wenn man komplizierten Problemen gegenübersteht.

Sea Watch heißt sein Rettungsprojekt, so hat Höppner auch das Schiff getauft. Im Mai soll es in Malta ablegen und dann drei Monate lang im internationalen Gewässer zwischen Libyen und Lampedusa patrouillieren. Es ist die Region, die die meisten afrikanischen Flüchtlingsboote auf dem Weg nach Europa durchqueren. Die Region, in der in jüngerer Zeit Tausende Menschen auf ihrer Flucht ertranken.

Die Geschichte dieser Schiffsmission begann am Tag des Mauerfall-Jubiläums, dem 9. November 2014. Höppner, ein Unternehmer, der mit seiner Familie in einem Dorf nördlich von Berlin lebt, Landkreis Barnim, schlenderte durch eine Ausstellung. Sah Bilder von DDR-Bürgern, die geflüchtet waren – in einem Heißluftballon, in einem Auto-Kofferraum. Bürger, die kilometerweit über die Elbe oder durch die Ostsee geschwommen waren. "Die Geflohenen wurden als Helden dargestellt", erzählt Höppner, "und die westdeutschen Fluchthelfer auch."

Damals, im Herbst 2014, hatte die italienische Regierung ihr Mittelmeer-Rettungsprogramm namens Mare Nostrum gerade eingestellt. Dessen Teams hatten binnen einem Jahr einhunderttausend Flüchtlinge aus Booten geholt. Die europäische Nachfolge-Mission Triton kontrolliert nur noch schwerpunktmäßig den küstennahen Bereich, kaum mehr das internationale Gewässer. Nun sei jedes x-beliebige Schiff stärker in der Verantwortung, hieß es vonseiten der italienischen Regierung.

Es war, als hätte ich in ein Nest gepikt, sagt Höppner: Alle wollen nun helfen

Man müsste selbst so ein x-beliebiges Schiff haben – darüber fabulierte Harald Höppner mit Freunden am Abendbrottisch. Er selbst wusste bis dato nicht einmal, ob er überhaupt seetauglich ist. Höppner verkauft Möbel aus Asien. "Ich dachte, so ein Schiff kostet ungefähr eine Million Euro", sagt er. "Aber dann suchte ich im Internet und fand heraus, dass es Kutter schon zum Preis eines Mittelklassewagens gibt." Mit zwei befreundeten Paaren legten er und seine Frau zusammen: Jedes Paar steuerte 50.000 Euro bei. Höppner nahm Kontakt zu einer Organisation namens Watch the Med auf, die ein Notruftelefon für Bootsflüchtlinge betreibt. "Es war, als hätte ich in ein Nest gepikt, plötzlich meldeten sich lauter Leute, die mir helfen wollten", sagt er. Den Kutter kaufte Höppner, ohne überhaupt schon einen Kapitän gefunden zu haben. "Viele Sachen muss man anpacken, ohne zu wissen, wie sie enden", findet er. Dann berichtet er, wie er einmal versucht habe, in seinem Landkreis Unterkünfte für Flüchtlinge zu organisieren. Er sei manches Mal auf Granit gestoßen. "Und mir wurde klar, dass diese Asylsache auch ohne mich läuft. Auch wenn das Thema umstritten ist, es gibt viele, die sich engagieren. Die größten Tragödien spielen sich immer noch im Mittelmeer ab, dort engagiert sich kaum jemand."

Vor einigen Jahren hat er einen Lkw umgebaut, um darin mit seiner Familie in Richtung Indien aufzubrechen. Sein jüngster Sohn sei damals gerade einmal neun Monate alt gewesen. "Wir sind durch Pakistan gefahren, durch den Iran, durch China. Es ist immer alles gut gegangen. Naiv bin ich noch nie gewesen."

Das Formular auf der Sea-Watch-Homepage, in dem sich potenzielle Helfer eintragen können, musste zwischenzeitlich abgeschaltet werden. Es meldeten sich zu viele Leute. Immer noch bekomme er jeden Tag ungefähr 25 Mails, sagt Höppner, es schreiben zum Beispiel: der Besitzer einer Hamburger Segelschule, der helfen will. Und ein Kapitän der Bundeswehr. Vergangene Woche sei ein Ehepaar zur Sea Watch gekommen, als die noch im Hamburger Hafen lag. Das Paar spendete 3.000 Euro. Und Spenden, sagt Höppner, könne er jetzt am ehesten gebrauchen.