Die Philosophie steht seit Platon und Aristoteles in einer innigen Verbindung zum Staunen. Sie beginnt mit dem Staunen über die Welt. Sie endet vielleicht auch mit dem Staunen. Und dazwischen lehrt sie, wie man staunt.

Manchmal auf eine ganz profane Art: Ist es nicht phänomenal erstaunlich, dass zurzeit von den USA bis Korea, von Norwegen bis Peru, von Spanien bis Australien, also wirklich weltweit über die Personalplanung am Philosophischen Seminar der Universität Freiburg diskutiert wird? Fast 3.000 Akademiker haben einen Aufruf unterzeichnet, der sehr deutliche Vorstellungen darüber artikuliert, wie eine dort vakant werdende Professur besetzt werden soll. Darunter finden sich so namhafte Autoren und Philosophen wie Judith Butler, Jean-Luc Nancy, Hans Ulrich Gumbrecht und Rüdiger Safranski. Die Petition ist mit den Worten Rettet die Phänomenologie und Hermeneutik in Freiburg überschrieben. Um die Aufregung etwas besser zu verstehen, muss man wissen, dass der bekannteste Philosoph, der mit diesen philosophischen Denkrichtungen in Verbindung steht und der einst diese Professur innehatte, Martin Heidegger ist. Ein Philosoph, der bekanntlich, nun, was eigentlich war?

Als eine "Drehscheibe" der Spätmoderne, so könnte man ihn bezeichnen, mit einem von Habermas entlehnten Wort. Soll heißen, von Heidegger aus geht’s im 20. Jahrhundert in alle Richtungen. Habermas kommt von Heidegger her, der Existenzialismus von Sartre kommt von ihm her, die Dekonstruktion Jacques Derridas und auch das ökologische Denken bis hin zu Peter Sloterdijk. Selbst dort, wo man es am wenigsten vermuten würde, finden sich Bezüge zu Heidegger: Anti-Gentrifizierungs-Vordenker berufen sich auf seinen Raumbegriff, und auch die Theoretiker der Kybernetik entdecken neuerdings, dass der Wald-und-Wiesen-Philosoph aus dem Schwarzwald ihr Denken in vielem vorweggenommen hat.

Es besteht also kein Zweifel, dass Heidegger ein außerordentlich produktiver Kopf war, dessen Denken uns noch lange beschäftigen wird. Es besteht aber auch nicht der geringste Zweifel, dass Heidegger ein ziemlich infamer Mensch war, dessen Denken eine beispiellose Niederträchtigkeit und Perversion erreichte. In der Anfangsphase des "Dritten Reichs" empfahl er sich als NS-Chefideologe. Nach dem Krieg fiel ihm zur Schoa nichts ein, außer der Bemerkung, moderner, motorisierter Ackerbau sei "im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern". In der jüngsten Lieferung der Schwarzen Hefte lässt sich nun noch nachlesen, dass Heidegger den Entzug seiner Lehrerlaubnis als größere weltgeschichtliche Katastrophe betrachtete als die Konzentrationslager und dass er im Übrigen davon auszugehen schien, dass die Juden die Schoa selbst zu verantworten hätten. Sie seien Urheber jenes kalten instrumentellen und rechnenden Denkens, das mit der Moderne planetarische Ausmaße angenommen und auch die Nazis selbst infiziert habe. "Himmler", schlussfolgert Heidegger, "war wesenhaft jüdisch."

Jürgen Kaube, der für das Feuilleton verantwortliche Herausgeber der FAZ , hat dankenswerterweise diesen Wahnwitz aus den Schwarzen Heften herausgelesen und damit prägnanter als je zuvor Heideggers "kompletten Verlust seiner philosophischen Urteilskraft" ausgestellt.

Leider hat Kaube kurz danach selbst ein bisschen an Urteilskraft eingebüßt.

Man hatte dem verdienten Journalisten zugetragen, dass an der Freiburger Uni die vakant werdende Heidegger-Professur in eine Juniorprofessur für Logik und Analytische Sprachphilosophie umgewandelt werden solle. In der zeitlichen Nähe zur Publikation der Schwarzen Hefte konnte das für Kaube nur eins heißen: "... der Versuch, einen überdeutlichen Schlussstrich zu ziehen. Andere Gründe dafür erschließen sich nicht. An dem vergleichsweise kleinen Seminar für Philosophie gibt es nur zwei Lehrstühle; der zweite ist der Philosophie des Mittelalters gewidmet." Das wäre es dann also gewesen mit der großen Freiburger Tradition von Hermeneutik und Phänomenologie.

Von diesem Schreckensszenario aufgescheucht, ergriff der Philosoph Markus Gabriel aus Bonn in der Süddeutschen Zeitung das Wort und attestierte erst mal seinen deutschen Philosophiekollegen "defätistischen Kleinmut", weil sie lieber auf die USA schielen würden, statt sich mit Nietzsche und Heidegger zu beschäftigen. Gabriel wusste auch um die Ursache des Freiburger Kleinmuts: "Als Grund wird vorgeschoben: Heidegger sei wegen seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus eine zu kontroverse Figur." Damit waren es also die Freiburger Verantwortlichen selbst, die das Nazi-Erbe als Vorwand "vorgeschoben" haben. Kaubes Spekulationen hatten eine steile Karriere gemacht.