Eugen von Böhm-Bawerks Studenten machten steile Karrieren. Otto Bauer wurde zum führenden Theoretiker des Austromarxismus und unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kurzfristig zum ersten Außenminister der jungen Republik. Rudolf Hilferding gehörte zweimal als Finanzminister in der Weimarer Republik der deutschen Reichsregierung an, und Emil Lederer ereilte ein Ruf an die Universität Heidelberg.

Ludwig von Mises entwickelte sich zu einem der führenden Theoretiker des Libertarismus und zu einem glühenden Verfechter des freien Marktes im 20. Jahrhundert. Er beeinflusste unzählige junge Wissenschafter, in seinem Privatseminar, das er in seinem Büro in der Handelskammer abhielt, tummelten sich künftige Größen der Nationalökonomie, etwa sein enger Mitarbeiter, der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek, der zu einem der wichtigsten Vertreter der Wiener Schule aufstieg.

Der ehrgeizige Fabrikantensohn Joseph Schumpeter wurde mit 26 Jahren als jüngster Professor der Habsburgermonarchie an die Universität Graz berufen. Nachdem sich Schumpeter während des Ersten Weltkrieges in Friedensinitiativen engagiert hatte, berief Staatskanzler Karl Renner 1919 den erst 36-jährigen Parteilosen als Finanzminister in sein zweites Kabinett. Doch der Dandy konnte sich nur schwer zügeln. Während die Wiener Bevölkerung hungerte, legte er einen protzigen Lebensstil an den Tag, kaufte sich ein Reitpferd und flanierte öffentlich mit Prostituierten. Politisch fühlte sich der Konservative in dem sozialdemokratisch dominierten Kabinett unwohl. Mehrmals wurde ihm vorgeworfen, den Kurs der Regierung konterkariert und ein Verstaatlichungsprojekt hintergangen zu haben. Sieben Monate nach seiner Berufung war er nach einer Regierungsumbildung sein Amt wieder los.

In den 1930er Jahren hörte die Wiener Schule an der Universität Wien auf zu bestehen. Die meisten ihrer Vertreter hatten das Land verlassen oder hatten fliehen müssen. Hinzu kam der weltweite Erfolg von John Maynard Keynes und seinem 1936 erschienen Werk Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Die Österreicher wurden in der nationalökonomischen Theorie an den Rand gedrängt, ihre Lehren galten als überholt.

Als Ludwig von Mises 1940 in New York landete, bedeutete dies den Abschied der Wiener Schule der Nationalökonomie aus Europa. Ihre Vertreter wirkten fortan an amerikanischen Universitäten, blieben jedoch auch dort Außenseiter.

Ihre Wirkmacht versuchten sie außerhalb des akademischen Betriebs zu entfalten, etwa in der 1947 von Hayek in Vevey am Genfersee mitgegründeten Mont Pelerin Society. Bis heute treffen sich die Apologeten des Neoliberalismus im Rahmen dieser Gemeinschaft, um sich in ihrer Weltsicht zu bestätigen.

Der letzte österreichische Finanzminister, der sich auf die "Austrians" berief, war Karl Heinz Grasser. Der FP/ÖVP-Politiker und erklärte Hayek-Fan gab vor, die soziale Marktwirtschaft neu interpretieren zu wollen, und forcierte Privatisierungsprojekte, deren Begleitumstände in die österreichische Skandalchronik eingingen und bis heute die Justiz beschäftigen.

Ein Revival feiern die "Austrians" hingegen derzeit in Übersee: Die Anhänger der Tea-Party-Bewegung berufen sich auf die libertären Lehren von Mises, Hayek und ihren Gesinnungsbrüdern. Sie teilen deren finsteren Blick auf den Wohlfahrtsstaat. Was in Wiener Kaffeehäusern und Seminarräumen begann, liefert nun den ideologischen Unterbau für die Politik, die in fundamentaler Opposition zu Barack Obama steht.