Das Morden endete vor genau 150 Jahren. Am 9. April 1865 kapituliert General Robert E. Lee, Oberbefehlshaber der rebellischen Südstaaten. Vier Jahre hat der amerikanische Sezessionskrieg gewütet, mehr als 600.000 Menschen sind in diesem blutigsten Ringen der US-Geschichte gestorben. Und mittendrin: ein Schweizer, Heinrich "Henry" Wirz.

Doch es ist nicht der Krieg, der seinem Leben ein Ende setzt, es ist der Frieden, der ihn den Kopf kosten wird. Ihm, dem ersten verurteilten Kriegsverbrecher der Schweiz.

1823 kommt Wirz im Zürcher Niederdorf als Sohn eines Schneidermeisters zur Welt. Er möchte Medizin studieren, doch dazu fehlt der Familie das Geld. So arbeitet Wirz als Kaufmann, verschuldet sich – und wandert ins Gefängnis. Ein Jahr später kommt er frei, doch die Richter verbannen ihn aus seiner Vaterstadt.

Heinrich, 25-jährig, verlässt Frau und Kinder und wandert, wie Zehntausende seiner Landsleute im 19. Jahrhundert, nach Amerika aus. An Bord des Schiffs Sarah Boyd erreicht Heinrich New York. Bald heiratet er wieder, wird erneut Vater – und macht sich mit seiner zweiten Familie auf gen Süden.

Dort liegt der Krieg schon in der Luft. Als Plantagenverwalter in Mississippi und später in Louisiana steht Wirz im Solde vermögender Pflanzer. Er ist nun ein Teil des menschenverachtenden Sklaverei-Systems. Nie stellt er es infrage. Schließlich bietet es ihm ein bescheidenes Auskommen nach Jahren voller Unrast und Demütigung. Doch die Plantagen-Aristokratie ist in Gefahr. Die Nordstaaten lehnen die Sklaverei ab, radikale Politiker wollen sie im ganzen Land verbieten. Als im Herbst 1860 Abraham Lincoln, ein gemäßigter Gegner der Sklaverei, ins Weiße Haus einzieht, kehrt ein Südstaat nach dem anderen der Union den Rücken. Gemeinsam gründen sie einen eigenen Bund, die Konföderierten Staaten von Amerika. Alsbald mobilisieren beide Seiten ihre Heere.

Mit der Bombardierung von Fort Sumter vor der Küste von South Carolina bricht im April 1861 der Bürgerkrieg los. Wirz meldet sich freiwillig zur konföderierten Infanterie. Er will an die Front, in den Kampf für seine neue Heimat und deren Herrscher, die nicht einmal seinen Namen richtig aussprechen können.

Henry ist ein tapferer Soldat. In Virginia zerfetzt ein Granatsplitter seinen rechten Arm. Die Wunde bricht immer wieder auf, lässt ihm keine Ruhe, außer in den kurzen Momenten, in denen er seine Schmerzen mit Laudanum betäubt. Der Kampf an der Front ist für ihn vorbei.

Doch seine Vorgesetzten finden bald eine neue Aufgabe für den strebsamen Schweizer: Er soll helfen, die Abertausenden von Kriegsgefangenen aus dem Norden zu bewachen.

Wirz, inzwischen zum Captain befördert, untersteht General John H. Winder, dem obersten konföderierten Kerkermeister. Winder ist ein brutaler Tyrann, ein widerlicher Zyniker, der von einer menschlichen Behandlung gefangener Feinde nichts wissen will. Ein Herzinfarkt kurz vor Kriegsende erspart ihm das Strafgericht des Nordens und den Gang auf das Schafott.

Winder ernennt Wirz im April 1864 zum Kommandanten des Gefangenenlagers Camp Sumter, nahe dem kleinen Nest Andersonville im Westen von Georgia. Hier, im tiefen Süden, kommandiert der Zürcher nun eines der größten Lager für gefangene Unionssoldaten.

Die hölzernen Palisaden sind noch nicht fertig gebaut, da strömen die ausgemergelten Gestalten schon ins Camp. Bald sind es täglich Hunderte, die sich nach Andersonville schleppen. Feste Unterkünfte gibt es keine, Zelte nur wenige – die konföderierten Nachschuboffiziere schicken die Planen lieber den eigenen Leuten an die Front, statt sie den eingepferchten Yankees zu überlassen. Die Männer hausen in Erdlöchern oder unter freiem Himmel.

Geplant wurde das Lager für maximal 10.000 Gefangene. Doch im August vegetieren hier 33.000 Männer vor sich hin. Je wärmer es wird in dieser heiß-feuchten Gegend, desto tödlicher wird das Lager für seine Insassen. Leichen liegen vor den improvisierten Unterständen, bald nimmt keiner mehr Notiz von den sterbenden Kameraden. Der Tod ist längst zur Gewohnheit geworden in der "Hölle von Andersonville". Und immer mehr Männer strömen ins Lager, denn die Kriegsparteien haben längst aufgehört, ihre Gefangenen auszutauschen.