Mark, endlich kommt in die deutsche Armutsdebatte Bewegung. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat mit seiner Behauptung, die Zahl der Armen in Deutschland sei auf einem "historischen Höchststand", eine Diskussion darüber ausgelöst, wie Armut gemessen werden soll. Selbst die sozialdemokratische Arbeitsministerin Andrea Nahles will die Methoden des Armuts- und Reichtumsberichts nun überarbeiten lassen.

Das wird auch Zeit, denn die deutsche Debatte beruht seit Jahren auf missverständlichen Zahlen und Fehlschlüssen. Der Indikator, der regelmäßig die größte mediale Beachtung findet, ist die relative Armut. Von Armut bedroht ist demnach jeder Bürger, der über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Es ist dabei völlig egal, ob diese Schwelle bei tausend Euro, zwanzigtausend Euro oder vierzigtausend Euro liegt – relativ betrachtet bleiben alle Menschen, die weniger verdienen, statistisch arm.

Es ist ziemlich einleuchtend, warum das zu kuriosen Ergebnissen führen kann. Wenn morgen alle Bundesbürger das Doppelte verdienen würden, wäre die Armut noch immer genauso groß. Und wenn die Einkommen für die breite Mehrheit sinken, sinkt womöglich auch die gemessene Armut. Genau das ist etwa in Irland während der Krise geschehen. In Deutschland hingegen stiegen die mittleren Einkommen und die Armutsschwelle mit. Ich frage dich: Ist das wirklich ein geeigneter Indikator, um eine der wichtigsten sozialpolitischen Fragen einschätzen zu können?

In Wahrheit misst der relative Armutsbegriff etwas ganz anderes, als die meisten Menschen denken: Er gibt an, um wie viel sich die untersten Einkommen von den anderen Einkommensgruppen unterscheiden. Er ist also eher ein Maß für die Ungleichverteilung, weniger für die Armut.

Trotzdem findet die relative Armutsstatistik regelmäßig das größte mediale Echo – eben weil sie die dramatischsten Zahlen liefert. Viele Bürger denken dann an existenzielle Not, an Obdachlosigkeit und Essensausgaben. Das aber hat in vielen Fällen mit der Wirklichkeit wenig zu tun.

In Deutschland gilt per Definition als arm, wer als Single weniger als rund 900 Euro netto verdient, bei einer vierköpfigen Familie liegt die Grenze je nach Rechnung zwischen 1.870 und 2.450 Euro netto. Das ist natürlich wenig Geld. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass wir den Kreis der von Armut bedrohten weit fassen – nicht zuletzt im Vergleich mit weniger wohlhabenden Ländern.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht mir nicht darum, die Armut kleinzureden. Jeder Mensch in Not ist einer zu viel. Aber die relative Armut allein ist für echte Not längst nicht mehr der richtige Maßstab. Jede ökonomische Debatte sollte zudem immer auf mehreren Indikatoren beruhen. Ich weiß nicht, warum das gerade bei der Armut anders sein sollte.

Deshalb ist es auch richtig und keine "Schönrechnerei", wenn die Arbeitsministerin nun genauere Daten über die Armut im Land einfordert. Selbst dann, wenn das am Ende dazu führt, dass die relativen Armutszahlen relativiert werden. Dein Philip

Lesen Sie hier die Antwort von Mark Schieritz.