Für diese Dokumente hätte mancher junge Historiker vor einigen Jahrzehnten alles gegeben – in der Hoffnung, eine der großen politischen Kontroversen des Jahrhunderts zu entscheiden. 2012 aber, als in der Zeitschrift für Ideengeschichte ein erster Aufsatz über den Fund erschien, merkte kaum jemand auf, und im vergangenen Jahr war die historisch interessierte Öffentlichkeit zu beschäftigt mit dem Streit über das Buch Die Schlafwandler des australisch-britischen Historikers Christopher Clark über den Ersten Weltkrieg, um diese rund 100 Briefe zur Kenntnis zu nehmen, die der deutsch amerikanische Soziologe Guenther Roth auf einem Speicher in Baltimore entdeckt hatte. Bereits 2009 war der emeritierte Professor für Soziologie an der Columbia University in New York auf das Konvolut gestoßen: private Schreiben, die einer der engsten Vertrauten des deutschen Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg in den Tagen rund um den Beginn des Ersten Weltkriegs und in den nachfolgenden Monaten an seine Verlobte gerichtet hatte.

Der Briefschreiber ist Kurt Riezler (1882 bis 1955), ein Altphilologe, Philosoph und politischer Publizist. 1906 wurde er im Alter von 24 Jahren als Pressereferent ins Auswärtige Amt berufen und avancierte rasch zum engsten Vertrauten Bethmann Hollwegs, nachdem dieser im Juli 1909 von Kaiser Wilhelm II. zum Reichskanzler ernannt worden war. Wohl niemand sonst erlebte die Julikrise 1914 nach den Schüssen von Sarajevo in so enger Nähe zum Kanzler. Riezler verbrachte die entscheidenden Wochen mit Bethmann Hollweg auf dessen Rittergut Hohenfinow und begleitete ihn ins Große Hauptquartier, zunächst nach Koblenz und Luxemburg, dann nach Charleville-Mézières in der Champagne. Fast täglich griff er zur Feder, um seiner Verlobten Käthe Liebermann, der Tochter des berühmten Malers Max Liebermann, zu berichten – und Auskunft aus dem Innersten der Regierungsspitze zu geben.

Mit Kurt Riezler verbindet sich überdies eine der großen historischen Debatten aus der Zeit nach 1945: der Streit um das Buch des Hamburger Historikers Fritz Fischer Der Griff nach der Weltmacht (1961).

Auch damals spielte ein Fund eine bedeutende Rolle – Riezlers Tagebücher. Die Nachricht, dass diese bei seiner Tochter in New York erhalten geblieben waren und demnächst veröffentlicht werden würden, schlug 1964 wie ein Blitzstrahl ein. Die Fischer-Debatte über die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg war gerade auf ihrem Höhepunkt angelangt. Von dem Tagebuch nun erhofften sich alle Seiten Schützenhilfe für ihre Argumentation. Denn war schon der Privatnachlass Bethmann Hollwegs auf (bis heute) ungeklärte Weise restlos verschollen, so würde man doch jetzt aus den wieder aufgetauchten Tagebüchern seines Assistenten erfahren, was sich der enigmatische Reichskanzler eigentlich gedacht hatte, als er sich Anfang Juli 1914 für die bedingungslose Unterstützung der österreichisch-ungarischen Strafaktion gegen Serbien entschied und damit das Tor zur Hölle eines vierjährigen Weltkriegs aufstieß.

"Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen"

Voller Ungeduld und nicht ohne Misstrauen wartete man auf die Veröffentlichung des Diariums, die der Kieler Historiker Karl Dietrich Erdmann im Auftrag der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften übernommen hatte. Vorab veröffentlichte Auszüge aus den Tagebüchern heizten die Kontroverse nur noch an: Erdmann habe, so munkelte man, diese Stellen einseitig in der apologetischen Absicht ausgewählt, die Politik Bethmann Hollwegs in ein günstiges Licht zu tauchen. Und als 1972 der 766-Seiten-Band Kurt Riezler: Tagebücher, Aufsätze, Dokumente in der renommierten Reihe Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts endlich erschien, ging der Streit erst richtig los. Denn wo waren die Eintragungen aus dem Zeitraum zwischen 1909 und dem Kriegsbeginn im August 1914 geblieben, den Jahren, in denen die Gefahr eines Konflikts zwischen den europäischen Großmächten immer größer wurde?

Verblüfft stellte die Fachwelt fest, dass die ersten 30 Hefte des Tagebuchs wohl just um die Zeit verschwunden waren, als Fritz Fischer seine Thesen über die weitreichende Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland und speziell Bethmann Hollwegs bekannt machte. Walter Riezler, der Bruder des 1955 gestorbenen Kurt Riezler, hatte sich, wie später herauskam, für die Vernichtung der Vorkriegstagebücher entschieden, nachdem er einige Stellen, die ihm interessant und unverfänglich erschienen, abgeschrieben hatte. Die 19 blauen Manuskripthefte aus der Zeit von 1914 bis 1918 indes blieben erhalten. Aber wie verhielt es sich mit den Eintragungen aus dem Juli 1914 selbst, aus den Tagen der Entscheidung also, als Bethmann Hollweg auf seinen Spaziergängen unter den Linden von Hohenfinow mit Riezler die Weltlage durchsprach?