Frechic Dickson arbeitet als Bewährungshelferin beim Bezirksgericht in East Cleveland, Ohio. Der Stadtteil ist mehrheitlich schwarz und litt jahrzehntelang unter Drogen, Kriminalität und hoher Arbeitslosigkeit. Viele Häuser um das Gericht herum sind verfallen. Doch Jobs seien jetzt nicht mehr das Hauptproblem, sagt Dickson. Es sei die innere Einstellung. Um Jugendlichen nach ihrer Verurteilung bei der Jobsuche zu helfen, hat ihre Dienststelle einen Schrank mit Anzügen und Kostümen für Bewerbungsgespräche eingerichtet. "Die Mädchen nehmen das Angebot gerne an, die Jungs verschwinden wieder auf die Straße."

Dafür hat Dickson wenig Verständnis. Um den Lebensstandard für sich und ihre drei Kinder zu verbessern, holte sie als alleinerziehende Mutter ihren College-Abschluss nach. Sie arbeitete tagsüber und studierte nachts. Ihr Lohn reichte nicht für den Lebensunterhalt. Eine Weile musste sie öffentliche Hilfe in Anspruch nehmen. "Es war eine harte Zeit", sagt sie. Aber sie glaubt, dass sie besser darauf vorbereitet war als der Vater ihrer Kinder. "Frauen werden dazu erzogen, sich zu kümmern."

Chancen hat auf dem Arbeitsmarkt heute nur, wer eine gute Ausbildung hat. Diese Botschaft ist bei Amerikas Frauen offenbar angekommen. Sie haben inzwischen Fachschulen wie Hochschulen erobert. 53 Prozent der College-Absolventen sind inzwischen weiblich, genauso wie 47 Prozent der Medizinstudenten. Knapp 60 Prozent aller Bachelor- und aller Mastertitel gehen bereits an Studentinnen, über 50 Prozent der Doktoranden sind weiblich. Auch am Community College in Lorain, einer ehemaligen Stahlstadt 50 Kilometer westlich von East Cleveland, sind Studentinnen inzwischen in der Mehrheit. Vor ein paar Jahren noch war Terri Burgess’ größtes Problem, junge Frauen für Männerberufe zu begeistern. "Jetzt überlegen wir, wie wir die Jungs dazu bringen, nach dem Schulabschluss zu studieren", sagt Burgess, deren Aufgabe es ist, am Community College in Lorain industrienahe Ausbildungsgänge zu entwickeln.

Das weibliche Streben nach höherer Bildung, sagte sie, habe weniger mit Selbstverwirklichung oder Karrieredenken zu tun als mit der schieren Notwendigkeit. "Die Liste der Jobs, die eine Frau ohne Abschluss bekommt, ist kurz." Alleinerziehende riskieren, auf Dauer in Armut zu leben. Junge Männer ohne weitere Ausbildung hätten dagegen noch bis vor einigen Jahren die Möglichkeit gehabt, sich hochzuarbeiten und schließlich eine Familie ernähren zu können. "Heute ist die Liste der Jobs für Männer ohne Abschluss genauso kurz wie die für Frauen in der gleichen Situation", sagt Burgess.

Die bessere Ausbildung beginnt sich im Berufsleben in den Vereinigten Staaten auszuzahlen. Nach wie vor sind Frauen in den Vorstandsetagen noch die Ausnahme. Aber in immer mehr Bereichen unterhalb der Spitzenpositionen und in freien Berufen holen Frauen auf oder ziehen gleich.

Dabei trifft die fortschreitende Automatisierung beide Geschlechter gleichermaßen. Nicht nur die überwiegend von Männern besetzten Arbeitsplätze in der Produktion sind geschwunden, sondern auch Stellen in der Verwaltung, die mehrheitlich Frauen innehatten – etwa im Sekretariat oder in der Buchhaltung. Doch während die Männer in schlechter bezahlte und unsichere Jobs oder gleich ganz aus dem Erwerbsleben verdrängt wurden, konnten Frauen in den vergangenen Jahren bei Positionen im Management und bei freien und technischen Berufen zulegen. Heute sind laut der offiziellen US-Arbeitsmarktstatistik bereits 52 Prozent aller Stellen in diesen Bereichen von Frauen besetzt. So deutlich ist die Zunahme, dass sie die Verluste bei den mittleren Dienstleistungs- und Verwaltungsjobs mehr als ausgleichen konnte.

In ihrer Studie zum "Neuen Geschlechtergraben in Arbeit und Ausbildung" kommen David Autor und Melanie Wasserman, Volkswirte am Massachusetts Institute of Technology zu dem Schluss: "Die traditionell männliche Dominanz bei der weiterführenden Bildung, in hochbezahlten Tätigkeiten und Eliteberufen gilt weithin als nahezu unveränderlicher Bestandteil der US-Wirtschaft. In Wirklichkeit hat hier eine grundlegende Verschiebung stattgefunden."

Immer mehr Frauen übernehmen die Ernährerrolle. Rund 30 Prozent der erwerbstätigen Amerikanerinnen verdienen inzwischen mehr als ihre Ehemänner. Zum Beispiel Rebecca Hughes Parker. Sie ist Anwältin, ihr Mann kümmert sich um die beiden Kinder. Nach der Heirat wurde schnell klar, dass sie in ihrer Kanzlei weit mehr verdienen würde als er mit seinem Abschluss in Englischer Literatur. Und so kümmerte er sich um die Kinder. Anfangs sei sie noch die Ausnahme gewesen, erzählt die Enddreißigerin. Doch inzwischen kennt sie immer mehr Paare, die die klassische Rollenverteilung umgekehrt haben.

Weder der Abstieg der Männer noch das Aufholen der Frauen sind das Resultat eines Geschlechterkampfes. Beide sind eine Folge der Digitalisierung und der strukturellen Veränderungen des Arbeitsmarktes. Den Preis zahlen vor allem Männer, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.