DIE ZEIT: Sie stehen jetzt seit fast 18 Jahren an der Spitze von Hannover 96 – hat sich Ihr Engagement gelohnt?

Martin Kind: Ich übernehme Verantwortung nicht mit dem Gedanken, dass meine Leistung anerkannt wird. Wenn dies trotzdem der Fall ist, bin ich zufrieden. Dank erwarte ich nur im privaten Bereich. Aber nicht im Fußball und ebenso wenig in meinem Unternehmen. Ich mache mich frei von dieser Erwartung, das erleichtert vieles.

ZEIT: Wenn Sie in Interviews über Fußball sprechen, verwenden Sie oft Begriffe wie "Produkt" oder "Kunden". Fehlt Ihnen das nötige Herzblut?

Kind: Selbstverständlich sind mir die Besonderheiten der Fußballbundesliga bekannt. Ich habe sie auch verinnerlicht. Im Sinne der internen als auch externen Diskussion sind zeitweilig jedoch die korrekten Begriffe der Betriebswirtschaft zu verwenden. Und dieses sind eben Begriffe wie "Produkt" oder "Kunden".

ZEIT: Lässt sich Erfolg planen?

Kind: Bedingt ist Erfolg planbar. Als ich 1997 zu Hannover 96 stieß, spielte die Mannschaft in der dritten Liga, der Verein erfüllte den Tatbestand der Insolvenz. Gremienmitglieder haben mich angesprochen, ob ich die Verantwortung bei Hannover 96 übernehmen wollte. Andere Gremienmitglieder beschrieben mir die Fußballwelt, von der ich damals keine Ahnung hatte, rosarot.

ZEIT: Wann erkannten Sie den Irrtum?

Kind: Schnell, denn das Erste, was man als Unternehmer macht, ist eine Bestandsanalyse. Warum ist die Lage so, wie sie ist? Mir wurde klar, dass es im Fußball nur ein Produkt gibt, das wirklich zählt, und das ist die erste Mannschaft des Vereins. Sie müssen Ihr Denken und Handeln auf dieses Produkt fokussieren und die Ziele definieren. Also Aufstieg in die zweite und dann in die erste Liga. Wir hatten sicher auch Glück – wir spielen jetzt im 13. Jahr in der Bundesliga. Das ist die eigentliche Leistung, die Nachhaltigkeit.

ZEIT: Zwischendurch haben Sie Hannover 96 auch als "Scheißverein" bezeichnet.

Kind: Den Begriff hätte ich besser nicht verwendet, er war auch nicht angemessen. Er sollte jedoch die vielfältigen Probleme der Vergangenheit beschreiben.

ZEIT: Sie sind 2005 für viele überraschend als Präsident zurückgetreten. Hatten Sie einfach genug von den Bürden des Amtes?

Kind: Es schien mir ein guter Zeitpunkt, einen schwierigen, ehrenamtlichen Job wieder aufzugeben. Wir spielten damals schon ein paar Jahre lang in der ersten Liga, die neue WM-Arena, die heutige HDI-Arena, war fertiggestellt. Aber dann geriet ich nach knapp einem Jahr deutlich unter Druck jener Leute, die dem Verein im Vertrauen auf meine Person Geld zur Verfügung gestellt hatten. Sie forderten Loyalität ein, und so bin ich dann – nicht mit voller Überzeugung, aber mit voller Verantwortung allen gegenüber – wieder in mein Amt zurückgekehrt.

ZEIT: In diesen Wochen stehen Sie wieder unter besonderem Druck. Wenn Ihre Mannschaft spielt, ist es gespenstisch still in der Arena. Die Ultras, besonders treue Fans, bleiben weg, ihr Block im Stadion ist leer. In der "Roten Kurve", dem Dachverband der 96-Anhänger, herrscht Resignation.

Kind: Gut 17 Jahre lang ist vieles überwiegend stressfrei gelaufen. Und dann gibt es diese zwei Spiele, bei denen es zu Ausschreitungen gekommen ist.

ZEIT: Ihr Verständnis von Null-Toleranz-Politik ...

Kind: ... im Derby gegen Eintracht Braunschweig kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, über 90 Minuten wurde durchgehend Pyrotechnik gezündet, es sah aus wie eine Feuerwand. Der DFB belegte uns mit einer Strafe von 100.000 Euro. Dieses Heimspiel war die Ausgangslage für die Bewertung des Rückspiels in Braunschweig.

ZEIT: Dieses Spiel stufte die Polizei als "Hochrisikospiel" ein – es ging offenbar längst nicht mehr nur um Fußball.

Kind: Innenministerium und Polizei hatten angeregt, die individuelle Anreise der Fans zu unterbinden, alle sollten geordnet in Bussen fahren, die Eintrittskarten sollten erst in Braunschweig ausgegeben werden, im Tausch gegen Gutscheine. Insgesamt 3.000 Beamte waren rund um das Stadion im Einsatz. Das Ergebnis war: Es gab kaum Zwischenfälle, das Spiel konnte ohne Gewalt und ohne Pyrotechnik stattfinden.

ZEIT: Seitdem kommen die Ultras nicht mehr zu den Heimspielen, "Kind muss weg" wird gerufen. Auf einer Facebook-Seite mit mehr als 8.000 Mitgliedern wird Ihnen vorgeworfen, Ihnen seien die Fans egal. Das tut Ihnen alles nicht weh?

Kind: Es sind allenfalls 1.000 Zuschauer, die wegbleiben. Aber ich gebe zu, die Stärke der Ultras war, dass sie die Stimmung im Stadion organisiert haben. Die sportliche Entwicklung in dieser Saison hat auch nicht zu guter Stimmung beigetragen.