Das Institut für Alte Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin ist denkbar unsentimental untergebracht in einem Bürogebäude an der Friedrichstraße. Aber wenn man auf die umliegenden Fassaden blickt, die zwar kein klassisches Dekor, aber immerhin etwas Jugendstil zeigen, weht einen doch ein Hauch von Alteuropa an.

Der Professor, der hier zu Mittag über die späte römische Republik liest, also über ihren Untergang, zeigt die leise Ironie aller Lehrer, die einen hundertmal durchgekauten Stoff noch einmal präsentieren. In diesem Fall ist es der prominenteste Stoff, den die Antike zu bieten hat (nächst dem Peloponnesischen Krieg), und sehr geeignet für Wilfried Nippels Abschiedsvorlesung vor dem Ruhestand. Er macht aber keinen pathetischen Gebrauch davon, seine Darstellung entspricht der Sachlichkeit seiner Generation (er ist Jahrgang 1950). Der berühmte Christian Meier in München, bei dem sich Nippel 1983 habilitierte, hat kühnere Parallelen zur Gegenwart gezogen.

Nur einmal leistet sich Nippel eine Aktualisierung; angesichts der verschlagenen römischen Politiker, die als Retter der Republik auftraten, erklärt er: "Die größten Gefährder der Ordnung sind immer die, die als ihre größten Verteidiger auftreten." Es liegt nahe, dabei an die Exzesse der Terrorbekämpfung zu denken.

Im Übrigen lehrt Nippel Skepsis. Er wird nicht müde, vor Cicero als Quelle zu warnen. Das macht Spaß, wenn man die älteren, an Cicero orientierten Darstellungen kennt. Womit wir bei der Krux aller Überblicksvorlesungen wären: Am interessantesten sind sie für den, der den Stoff schon kennt.

In unserer neuen Kolumne "Hörsaal", die zeitgleich in der gedruckten Ausgabe der ZEIT erscheint, schildern Autorinnen und Autoren der ZEIT Woche für Woche ihre Eindrücke von Vorlesungen an Hochschulen in Deutschland und im Ausland. Wir sind gespannt auf Ihre Diskussionen.

Falls Ihnen eine besonders spektakuläre Vorlesung auffällt, die wir besuchen sollten, dann freuen wir uns über einen Hinweis an: hoersaal@zeit.de.