Der Wahnsinn an der Macht – das ist unser Bild von Nordkorea. Es changiert zwischen bedrohlich und bizarr. Herrscht das Regime in Pjöngjang nur besonders despotisch, oder ist es völlig durchgeknallt? Im Streit um die amerikanische Filmkomödie The Interview, in der die CIA zwei trottelige US-Journalisten beauftragt, Nordkoreas Führer Kim Jong Un zu ermorden, waren alle vertrauten Urteile schnell zur Hand. Kein Land der Erde ist uns fremder als das abgeschottete Reich der Kim-Dynastie. Hungersnot und Personenkult, Arbeitslager und Atomversuche – es gibt genug Gründe, sich zu gruseln.

Aber Gruseln reicht nicht. Mit dieser Devise hat sich Rüdiger Frank ans Werk gemacht. Der Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien ist wohl der beste Kenner Nordkoreas im deutschsprachigen Raum. Seine Innenansichten eines totalen Staates sind der Versuch, ein Land zu erklären, das schwer zu verstehen ist, das in keines der uns vertrauten Raster passt. Nordkorea: Das sind unverbrämter Nationalismus und offener Chauvinismus, Autarkie und Größenwahn, das ist eher Feudalismus als Marxismus.

Der Ökonom Frank, 1969 in Leipzig geboren, hat an der Kim-Il-Sung-Universität in Pjöngjang Koreanisch studiert, bereist das Land regelmäßig und kennt, wie er freimütig sagt, die politischen Abläufe in Pjöngjang doch wenig. Wer trifft die Entscheidungen? "Die Partei? Die Familie Kim? Ein kleiner Kreis aus einflussreichen Personen? Wir wissen es nicht." In einem aber zeigt er sich, im Unterschied zu anderen Beobachtern, sicher: Das Militär "ist ein Instrument, das sich in den Händen des Führers und der Partei befindet. Nordkorea wird mit dem Militär regiert, nicht vom Militär."

Der seit Ende 2011 herrschende Kim Jong Un – 30 oder 31 Jahre alt, niemand weiß es genau, und dritter Erbfolger in der von seinem Großvater begründeten roten Dynastie – sei keine Marionette der Generale. Die Hinrichtung seines Onkels Chang Song Taek im Dezember 2013 habe gezeigt, dass Kim "die Macht weitgehend in den eigenen Händen hält".

Dem Schrecken der brutalen Exekution des Onkels zum Trotz, den er aus einer Politbüro-Sitzung heraus verhaften und nach einem Schnellverfahren erschießen ließ: Unter Kim, so beschreibt es Rüdiger Frank, beginnt sich das Land vorsichtig zu modernisieren. In Pjöngjang fahren heute mehr Autos, öffnen Restaurants (sogar italienische), telefonieren die Leute mit dem Handy und zahlen mit Kreditkarten: In alldem sieht Frank hoffnungsvolle Zeichen des Wandels. Eine neue Mittelschicht entstehe.

Ist Kim Jong Un also ein Reformer? Ja, glaubt Frank, "einen gewissen Optimismus hinsichtlich des Reformpotentials des jungen Führers dürfen wir uns (...) erlauben". Durchweg ist in seinem Buch ein Bemühen spürbar, einer Dämonisierung Nordkoreas entgegenzutreten. Wer differenziert, muss aber aufpassen, dass er nicht zu relativieren beginnt. Bisweilen reicht Franks Verständnis für das Regime in Pjöngjang sehr weit.

Beispiel: Was ist wichtiger, die Landesverteidigung oder die Lebensmittelversorgung? Für das Regime kommt das Militär zuerst. Denn was nütze eine blühende Wirtschaft, wenn das Land angreifbar sei? Frank: "In Gesprächen mit Nordkoreanern hatte ich den Eindruck, dass diese Logik in der Bevölkerung geteilt wird." Wirklich? In der Hungersnot Mitte der neunziger Jahre aßen die Menschen Gräser und Blätter, Hunderttausende starben. Da soll nach Ansicht der Menschen die Landesverteidigung Vorrang haben?

Zwei Themen kommen bei Frank zu kurz: die atomare Aufrüstung und die systematische Verletzung der Menschenrechte. Der Autor ist der Ansicht, darüber werde genug berichtet. "Ich habe einen großen Teil dieses Buches und auch zahllose öffentliche Vorträge dafür verwendet, die von den Medien zumeist auf andere Aspekte des Lebens in Nordkorea gerichtete Aufmerksamkeit auch auf (die) positiven wirtschaftlichen Entwicklungen zu lenken."

Dagegen ist erst einmal nichts zu sagen. Aber die Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea sind keine Nebensache. Immer noch hausen in den politischen Gefangenenlagern an die 120.000 Häftlinge unter viehischen Bedingungen. Gerade hat sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit dem Schrecken der Lager befasst. Ohne ein zu erwartendes Veto Chinas könnte Kim Jong Un vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt werden.

Nein, ein Nebenthema ist das wahrlich nicht. Was nichts daran ändert, dass Frank die richtigen Fragen stellt. Sein Buch ist ohne Zweifel das kundigste Werk zu Nordkorea in deutscher Sprache. Im Kern geht es ihm um die Reformfähigkeit des Systems. Frank will "mit dem noch immer erstaunlich weit verbreiteten Vorurteil aufräumen, dass in Nordkorea die Zeit stehen geblieben sei".

Nordkorea entwickelt sich, lautet seine Hauptthese, selbst wenn das Land nach einer "Beinahe-Reform" im Jahr 2002 erst einmal wieder in Orthodoxie zurückgefallen sei. Dennoch hält der Autor auch in Nordkorea das "ostasiatische Modell" für möglich, das schon Japan, Südkorea, Taiwan, Singapur und nun China Wohlstand gebracht habe. Ein starker, autoritärer Staat plus Privatisierung: Dieses Muster könne auch in Nordkorea funktionieren.

Weil Nordkorea fähig zur Reform sei, werde vielleicht die Wiedervereinigung Koreas eines Tages anders verlaufen als allgemein erwartet, nämlich nicht als Folge eines Zusammenbruchs des Nordens und des daraufhin zwangsläufigen Anschlusses an den Süden. Frank glaubt eher an das Szenario einer "stufenweisen Vereinigung zwischen gleichen Partnern". Das ist eine waghalsige Spekulation. Aber der gebürtige DDR-Bürger Rüdiger Frank hat erlebt, welche unerwarteten Wendungen die Geschichte nehmen kann. Es lohnt sich, mit ihm nach den zarten Wurzeln der Reform zu suchen. Bei allen Zweifeln, ob da viel zu finden sein wird.