Über manche Krankheiten spricht man ungern. Würde eine Diagnose wie Krebs, Alkoholabhängigkeit oder Depression öffentlich bekannt, der Patient wäre wohl stigmatisiert. Die Indiskretion könnte ihn sogar den Arbeitsplatz kosten. Ohne die ärztliche Schweigepflicht könnte niemand mehr beim Doktor unbefangen über Beschwerden und Probleme sprechen.

Das ärztliche Schweigen ist aus diesem Grund in der Musterberufsordnung für Ärzte streng geregelt. In Paragraf 9 heißt es: "Ärztinnen und Ärzte haben über das, was ihnen in ihrer Eigenschaft als Ärztin oder Arzt anvertraut oder bekannt geworden ist – auch über den Tod der Patientin oder des Patienten hinaus –, zu schweigen."

Doch schon der folgende Absatz relativiert: "Die Ärztinnen und Ärzte sind zur Offenbarung befugt, soweit sie von der Schweigepflicht entbunden worden sind oder soweit die Offenbarung zum Schutze eines höherwertigen Rechtsgutes erforderlich ist."

Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient wird also zweitrangig, wenn Dritte gefährdet sind. So müssen laut Infektionsschutzgesetz Fälle von ansteckenden Krankheiten wie Cholera namentlich gemeldet werden. Anders ließe sich die Ausbreitung der gefährlichen Keime nicht verfolgen und stoppen. Die Ansteckungsgefahr durch HIV ist deutlich geringer, deshalb genügt eine anonyme Meldung an die Gesundheitsbehörden. 1999 aber entschied das Oberlandesgericht Frankfurt, dass ein Arzt die bis dahin ahnungslose Gattin eines Aids-Patienten informieren durfte, nachdem der Patient erklärt hatte, auch weiterhin kein Kondom benutzen zu wollen.

Wenn ein Patient im Sprechzimmer mitteilt, dass er andere Menschen körperlich zu schädigen beabsichtige – infizieren, verletzen oder gar töten –, muss der behandelnde Arzt nach Paragraf 34 des Strafgesetzbuches einen rechtfertigenden Notstand geltend machen, seine Schweigepflicht brechen und notfalls die Polizei informieren.

Sollte sein Patient aber lediglich über Suizidgedanken sprechen – Alltag in der psychiatrischen Praxis –, bewegt sich der Arzt in einer Grauzone. Er muss entscheiden, was überwiegt: der grundgesetzlich gewährleistete Schutz des persönlichen Lebens- und Geheimnisbereichs oder die Gefahr für andere.

Nicht jeder Anflug von Lebensmüdigkeit ist ein guter Grund für eine Zwangseinweisung zum Schutz der Mitmenschen. Im Gegenteil: Gewohnte Strukturen in der Arbeit können die Betroffenen stabilisieren. Und umgekehrt kann jemand am Morgen noch halbwegs munter sein Haus verlassen und dann mit einer Situation konfrontiert werden, die ihn dazu bringt, aus dem Fenster zu springen. Die Frage, inwieweit Patienten eine Gefahr darstellen, zwingt Ärzte also immer wieder, sorgfältig abzuwägen.

Wie viel Restrisiko für die Gesellschaft zumutbar ist und wann übergeordnete Interessen die Schweigepflicht zunichtemachen, diskutieren Juristen und Ärzte immer wieder. Etwa bei Kindesmisshandlungen. Hier muss zum Wohl des Kindes abgewogen werden: Wann muss der Arzt die Behörden einschalten? "In solchen Fällen hängt es häufig von der Schwere der Verletzungen ab, wie entschieden wird", sagt Markus Rothschild, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Köln.

Wie aber ist es bei psychischen Erkrankungen, sollte man für Depressive und Schizophrene, für Borderliner und Angstgestörte nicht eine Meldepflicht einführen, ähnlich der des Infektionsschutzgesetzes? "Ohne Schweigepflicht ist die Psychotherapie tot", meint der Psychiater Birger Dulz von der Hamburger Asklepios Klinik Nord. Und dann müsse sich die Gesellschaft fragen, wie sie mit all den psychisch Angeschlagenen umgehen wolle, die sich aus Furcht einer Therapie entzögen und die mit einer Behandlung ein normales Leben führen könnten.

Allein die Häufigkeit von psychischen Störungen lässt die Einführung einer solchen Praxis, die einer Aufhebung der Schweigepflicht gleichkommt, absurd erscheinen. Rund ein Fünftel der Bevölkerung erleidet im Leben eine depressive Episode, 15 Prozent der Bevölkerung haben eine Persönlichkeitsstörung, davon zeigen 5 Prozent eine Borderline- und 6 Prozent eine narzisstische Störung. Eine Gefahr für andere stellen die wenigsten von ihnen dar. Es gibt jährlich rund 10.000 Suizide in Deutschland, aber nur in extrem seltenen Fällen bedrohen solche Menschen damit das Leben anderer – weit häufiger geht die Gefahr von "gesunden" Menschen aus.

Gerade im Sprechzimmer gilt: Eine liberale Demokratie muss eine gewisse Restunsicherheit ertragen. Doch dieses Risiko, das in der Verantwortung des Arztes liegt, erscheint vielen nun zu groß. Menschen, die ein Meldegesetz forderten, sagt Dulz, litten oft selbst an einer "inneren Unstrukturiertheit", die sie durch rigide äußere Strukturen festigen müssten. "Mit einem Piloten, der wegen psychischer Probleme – welcher Art auch immer – in psychotherapeutischer Behandlung ist", sagt Dulz, "fliege ich ohne Probleme. Ist er nicht in Behandlung, steige ich lieber aus."

Bevor er Medizinredakteur wurde, hat der Autor als Arzt praktiziert.