Vor ein paar Wochen benahm Papst Franziskus sich wieder einmal ganz und gar unpäpstlich. Er ließ sich dabei beobachten, wie er zu Beginn des Gottesdienstes im Petersdom in einen Beichtstuhl schlüpfte. Der Vatikan schickte die Bilder per Twitter an die Weltgemeinde, und die fragte sich, was Franziskus seinem Beichtvater wohl anvertraut haben könnte. Doch die Botschaft war diese: Selbst der Stellvertreter Christi ist fehlbar und bittet um Vergebung seiner Sünden.

Und die zweite Botschaft: Was hier gesagt wurde, wird niemals nach draußen gelangen.

Die geistliche Schweigepflicht besteht bereits seit dem 13. Jahrhundert, als die Wahrung des Beichtgeheimnisses in das Kirchenrecht aufgenommen wurde. Sie ist sozusagen die älteste Datenschutzvorschrift in der Rechtsgeschichte und ursprünglich auch ein Meilenstein in der Geschichte der christlichen Seelsorge.

Dennoch, zur Beichte zu gehen gilt in der Gegenwart selbst unter gläubigen Katholiken nicht als zeitgemäß. Zudem schrumpfen die Gemeinden und schwinden die Priesterzahlen. So wird der Beichtstuhl in vielen Kirchen schon zum diskreten Abstellraum für Staubsauger und Putzeimer.

Darüber hinaus lebt die Kammer der Diskretion im kollektiven Gedächtnis vor allem als Möbel der angedrohten Todsünde weiter. So wenigstens sieht es der englische Kirchenhistoriker und Publizist John Cornwell. Das heilige Sakrament der Beichte sei zu einem "unheilvollen Machtinstrument" der Kirche geworden, meint Cornwell: "Der Beichtstuhl hat zahllose Geistliche dazu verführt, ihre Position als Retter vor der Todsünde auszunutzen und vor allem Kinder seelisch und sexuell zu missbrauchen." Cornwell, der am Centre for Advanced Religious and Theological Studies der Universität Cambridge forscht, begründet seine These so: Gleichzeitig mit der Einführung der Schweigepflicht wurde es zur Todsünde, nicht regelmäßig zur Beichte zu gehen.

Bei den Protestanten gibt es das Seelsorge- und Beichtgeheimnis ebenso – aber es ist freiwillig, nicht mit Zwang und Strafe verbunden und auch nicht zwingend an einen ordinierten Geistlichen gebunden. Die Beichte abnehmen kann jeder Christ. Für Martin Luther war sie ein "Schatz", der ein "fröhliches Gewissen macht", ein Raum der seelischen Entlastung.

Anders bei den Katholiken: Als die Kirche Anfang des vergangenen Jahrhunderts den Beichtgang zur wöchentlichen Pflicht erhob, die auch von Kindern ab dem siebten Lebensjahr einzuhalten war, wurde der Beichtstuhl zur "Folterkammer", in der Kinder mit dem Höllenfeuer bedroht wurden, obgleich sie geistig und emotional noch gar nicht in der Lage waren, zu verstehen, wovon die Rede war.

Der Beichtstuhl ist aber auch ein Schutzraum für die Täter: Als eindrückliches Beispiel nennt Cornwell den Fall eines australischen Priesters, der 2003 wegen Kindesmissbrauch vor Gericht stand und während der Verhandlung gestand, sich im Laufe von 25 Jahren an 1.500 Jungen vergangen zu haben. Jeder der dreißig Priester, denen er seine Verbrechen gebeichtet hatte, riet ihm einzig, im Gebet Buße zu tun.

Nun hat Franziskus sich vorgenommen, auch diese Sünden seiner Institution nicht länger unter den Teppich zu kehren. Der Papst will das heilige Sakrament selbst restaurieren. Die Beichte dürfe "weder Folter noch unangenehmes Verhör sein", erklärte er kürzlich. Stattdessen müsse es sich "um eine befreiende und menschliche Begegnung handeln, die zur Barmherzigkeit erzieht". Die Beichtväter rief der Papst dazu auf, die Beichte nicht als einseitiges Geschehen zu betrachten, sondern von der Reue zu lernen, die ihnen im Beichtstuhl begegne. "Wer die Beichte abnimmt, muss sich stets fragen, ob er selbst auch zu einer solchen Umkehr bereit ist, wie derjenige, der bei ihm um Vergebung seiner Sünden bittet."

Im Zeitalter von Twitter und Facebook befriedigen viele ihren ganz persönlichen Bekenntnisdrang mittels Smartphone. Das virtuelle peccavi wird eine öffentliche Angelegenheit. Genau wie in den Jahrhunderten vor der Einführung des Beichtgeheimnisses, als die Menschen noch vor versammelter Gemeinde ihre Sünden bekennen mussten. Bevor ihnen – wenn sie Glück hatten – vom Kollektiv vergeben wurde.

Der Autor hat soeben John Cornwells Buch "Die Beichte – eine dunkle Geschichte" rezensiert.