Wer in diesen Tagen seinen Frühlingsurlaub in Rom, Wien, Paris oder London verbringt, um die prächtigen, ja monumentalen Gebäude zu bestaunen, dem empfehle ich eine erhellende Ferienlektüre: Die Nationalisierung der Massen, geschrieben vom amerikanischen Historiker George L. Mosse. Er erklärt in seinem Werk, wie die Kommunisten und die Nationalsozialisten die Architektur benutzt haben, um ihre Bürger zu beeinflussen und die Macht ihrer jeweiligen Länder und Systeme zur Schau zu stellen.

Was Hitler und Stalin recht war, ist der Europäischen Union billig: Statt eines Parlamentsgebäudes hat sie sogar zwei, eines in Brüssel, eines in Straßburg; jedes hat mehr als eine Milliarde Euro gekostet. Über eine Milliarde kostet auch die soeben fertiggestellte Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Sie sollte zwar gemäß einem Kostenvoranschlag mit nur 850 Millionen Euro zu Buche schlagen. Aber nennen Sie mir ein öffentliches Bauwerk, das nicht teurer als geplant erstellt werden konnte! Ich kenne keines.

Vor Jahrzehnten war ich selbst in der Branche tätig, und ich frage mich: Warum konnten wir uns bei unseren Überbauungen keine Kostenüberschreitungen leisten? Die Antwort ist sehr einfach: Wir wären pleitegegangen.

Bei dem überteuerten EZB-Tower im Frankfurter Ostend stellt sich eine weitere Frage: Warum baute man gerade einen Turm? Es ist eine Binsenweisheit: Je höher das Gebäude, desto höher die Baukosten pro Quadratmeter. Gleichzeitig reduziert sich die Nutzfläche, weil Fahrstühle und technische Installationen viel Platz brauchen. Sowieso: Mit den heutigen Kommunikationsmitteln könnte ein Großteil der Mitarbeiter an einem bescheidenen Sitz in einer peripheren Gemeinde arbeiten.

Klar, gegen meine Argumentation ließe sich einwenden: Warum soll die EZB lassen, was alle großen Multis tun? Nun, die Multis verbauen ihr eigenes Geld und nicht dasjenige der Steuerzahler. Und noch wichtiger: Für die Multis sind Prestigebauten eine einträgliche Marketingübung für ihren Brand. Das hat die EZB nicht nötig. Sie ist eine Monopolistin ohne Konkurrenz.

Trotzdem, das Gebäude steht und wollte natürlich feierlich eingeweiht werden. Konsequenz: 10.000 Demonstranten und 8.000 Polizisten, Ordnungshüter und Feuerwehrmänner standen sich in Frankfurt in einer gewalttätigen Demonstration gegenüber und legten einen Teil der Stadt schlichtweg lahm. Die Reaktion der wütenden Demonstranten war zu erwarten. Denn es ist kristallklar, wofür die EZB in der kollektiven Vorstellung steht: Sie steht für das Versagen der Wirtschaftspolitik in den meisten EU-Staaten und – noch schlimmer – die Probleme der Fehlkonstruktion Euro. Das alles soll nun mit einer harten Austeritätspolitik wieder ins Lot gebracht werden.

Für die Menschen, die darunter leiden, und auch für den Teil der Demonstranten, die sich für eine utopische, postkommunistische Vision einsetzen, lieferte die Einweihung der neuen Bankzentrale einen perfekten Vorwand, um gegen die EZB vorzugehen. Ich bin kategorisch gegen Gewalt und hege absolut keine Sympathie für Vermummte. Aber ich frage mich, ob es angesichts der derzeitigen Atmosphäre der Weisheit letzter Schluss war, eine feierliche Einweihung zu veranstalten. Wäre es nicht taktvoller gewesen, eine runde Summe für die Armut zu spenden? Ich bin zwar ein überzeugter Anhänger der Austeritätspolitik, denn ich habe gelernt, dass man Schulden zurückzahlen muss. Trotzdem kann ich verstehen, dass der Teil der Öffentlichkeit, der unter der aktuellen Politik leidet, sich gegen die pompöse Einweihung eines Milliardengebäudes wehrt.

Nächste Woche in unserer Kolumne "Nord-Süd- Achse" die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz