DIE ZEIT: Frau Szigeti, der Hamburger Profi-Fußball steuert auf eine Katastrophe zu: Sowohl HSV als auch FC St. Pauli stehen ganz unten in der Tabelle. Wie würden Sie solche Profi-Sportler auf den Abstiegskampf vorbereiten?

Anett Szigeti: Einem Sportpsychologen stellen sich in so einer Situation mehrere Fragen: Kann ich die Spieler erreichen? Möchten sie Hilfe? Und wie hoch ist der Leidensdruck, etwas zu ändern?

ZEIT: Leidensdruck? Bei jungen Millionären kann das doch nicht so schlimm sein.

Szigeti: Geld spielt in einer solchen Situation nicht die Hauptrolle. Es geht darum: Als wie schrecklich empfindet ein Spieler seine Lage? Das ist ganz unterschiedlich. Marcell Jansen zum Beispiel weiß, dass er den HSV Ende der Saison verlassen wird. Für ihn ist die Bedrohung vielleicht nicht so existenziell wie für einen Nicolai Müller, der als Hoffnungsträger und Nationalmannschaftskandidat geholt wurde und bald möglicherweise in der Zweiten Liga spielt.

ZEIT: Wenn jetzt ein HSV-Spieler zu Ihnen käme, was würden Sie konkret tun?

Szigeti: Das Schlechteste, was man machen kann, ist, gute Ratschläge zu geben. Ich muss als Sportpsychologin in der Lage sein, den Spielern beim Verarbeiten zu helfen. Druck entsteht ja immer im eigenen Kopf. Also ist eine meiner Taktiken die sogenannte Entkatastrophisierung. Ich denke mit den Spielern Schritt für Schritt durch, was sie tun können, dass nicht der schlimmste Fall eintritt.

ZEIT: Was können die Spieler denn tun?

Szigeti: Zum Beispiel sich daran erinnern, warum sie diesen Sport einmal angefangen haben: weil sie verdammt große Lust darauf hatten, auf den Platz zu gehen und Fußball zu spielen.

ZEIT: Beim HSV gibt es diese Stadionuhr. Sie zeigt an, wie lange der Verein schon in der Ersten Liga spielt. Am Saisonende könnte sie abgebaut werden. Ist das nicht der Horror für jeden Spieler?

Szigeti: Wenn ein Spieler denkt, dass er dafür verantwortlich sein könnte, diese Uhr zum Stillstand zu bringen, dann schon.

ZEIT: Also muss sie weg.

Szigeti: Nicht unbedingt. Man kann den Gedanken ja umdrehen: Ich bin der Spieler, der dafür sorgt, dass diese Uhr weiterläuft. Dann erfüllt sie ihren Zweck.