Unter den hohen, kegelförmigen Lebensbäumen liegen Bänke, die aussehen wie Grabplatten. Das ist noch nicht das Seltsamste an diesem Ort.

Mittags werfen die Bäume mächtige Schatten über das weiße Pflaster, die Bänke saugen sich mit Wärme voll, und von überall strömen Menschen auf den Platz mit dem Namen Heuberg. Früher war der Heuberg, wo sich Hohe und Große Bleichen treffen, ein mülliger Parkplatz. Heute ist er ein parkartiger Platz. Auf dem Boden klebt kein Möwenschiss, kein Kaugummi, kein Dreck. Das ist das wirklich Seltsame an diesem Ort: seine Makellosigkeit. "Der Heuberg ist einer der schönsten Plätze Hamburgs", sagt Frithjof Büttner. Jetzt geht die Makellosigkeit in die Verlängerung.

Denn dass ein Platz mitten in der Stadt strahlt wie ein frisch bezogenes Bett, kommt ja nicht von allein. Der Grund dafür hat drei Buchstaben, BID, oder drei Wörter, Business Improvement District. Verkürzt bedeutet das, dass Grundeigentümer aus eigener Tasche das Aufpolieren ihrer Straße finanzieren. So investierten Privatleute für die erste Laufzeit des BID Hohe Bleichen/Heuberg seit 2009 zwei Millionen Euro. Für die Neuauflage werden in den nächsten fünf Jahren weitere 900.000 Euro fällig.

Frithjof Büttner, der BID-Beauftragte der Stadtentwicklungsbehörde, sagt, man müsse sich nur mal auf eine der Bänke am Heuberg setzen, um zu verstehen, warum alle das gut fänden.

Der Platz lädt zum Verweilen ein, um Einkaufstüten abzustellen, einen Kaffee zu trinken und dann weiterzugehen, ins nächste Geschäft. Vielleicht ja den Lebensbäumen hinterher, die sich bis in die Hohen Bleichen aufreihen. Bevor das BID kam, waren die Hohen Bleichen eine Art Parkhaus-Zufahrt. Heute sind sie zur teuren Einkaufsstraße mutiert. "BIDs sind ein Erfolgskonzept", lobt die scheidende Stadtentwicklungssenatorin Jutta Blankau. Ihr BID-Experte Büttner sagt: "Das BID hat aus einer Hinterhoflage eine 1-a-Lage gemacht."

Das ist nicht nur am Heuberg so. Seit im Jahr 2005 das bundesweit erste BID am Sachsentor in Bergedorf startete, gab es in der Stadt 18 BIDs, von denen neun noch laufen. Insgesamt sind dadurch fast 40 Millionen Euro von privater Seite in die Aufwertung des öffentlichen Raums geflossen. "Die Wirkung für die Attraktivität der Stadt ist immens", sagt Büttner. "Wir versuchen verzweifelt, Kunden vom Onlinehandel auf dem Sofa in die Einkaufsstraßen zu holen. Durch die BIDs kommen sie wieder gerne."

Das klingt nach einem Gewinn für alle: Die Grundbesitzer steigern die Immobilienwerte. Die Stadt spart. Die Hamburger kommen runter vom Sofa. Alle sind selig. Alle? Falsch. Ausgerechnet in Deutschlands ältestem BID, Bergedorf, könnte ein Streit nun das ganze Modell ins Wanken bringen. Und hinter der spiegelblanken Fassade der BIDs mehren sich Herrschaftsgebaren und Konflikte um Geld und Transparenz.

Ein Morgen in St. Georg, dort, wo die Fassade noch nicht spiegelblank ist: Am Steindamm bettelt eine verkrüppelte Frau, gegenüber steht das Zelt obdachloser Lampedusa-Flüchtlinge. In den Hauseingängen warten Prostituierte. Vor den Läden stapeln sich alte Kisten.

Was hier an einem gewöhnlichen Dienstag los ist, dafür findet die IG Steindamm, ein Zusammenschluss von Gewerbetreibenden und Grundeigentümern, klare Worte: Auf der Meile am Hauptbahnhof habe sich "primitivste Prostitution in ungekanntem Maße" breitgemacht, heißt es auf der Website, mit der die IG für ein BID am Steindamm wirbt. "Bettlergangs und eine ungeahnte Verschmutzung beeinträchtigen unsere unnachahmliche Einkaufsmeile in besonderer Weise", so geht es weiter. Auch von "Minderheiten, die ihr Leben bei uns ausleben und damit der Gemeinschaft ihre Lebensstile oktroyieren" ist die Rede. Klingt nach AfD, doch Quartiersmanager Wolfgang Schüler meint das anders, sagt er.