Fatu Kekula warf sich dem Ebola-Virus ganz allein entgegen. Ihre Familie war mit dem Virus infiziert, keine Hilfe weit und breit in Sicht. Also musste die Schwesternschülerin aus Liberia vergangenes Jahr auf eigene Faust helfen. Geschützt durch Plastiktüten, einen frisch erworbenen Regenmantel, Gummistiefel, Latexhandschuhe und eine Maske, trat Kekula gegen den Erreger an. So erzählte es die Los Angeles Times. Zu Hause richtete sie ein improvisiertes Isolierzimmer ein, investierte ihr Erspartes in Medikamente und versorgte die Kranken mit reichlich Flüssigkeit. Mit Erfolg: Von vier Angehörigen starb nur einer.

Eine wichtige Lehre aus dem verheerenden Ebola-Ausbruch ist, dass Gesundheit in Entwicklungsländern nicht nur eine Frage von ausreichend Medikamenten, Impfprogrammen oder massivem Geldeinsatz ist. Die von den USA oder Deutschland errichteten Nothospitäler etwa kamen zu spät und standen weitgehend leer. Manche sagen, dass selbst Ärzte ohne Grenzen mit ihrem Fokus auf medizinische Nothilfe zwar Einzelnen geholfen, den Kampf gegen Ebola insgesamt aber geschwächt, weil sie die lokalen Kräfte nicht genug eingebunden hätten. Die wahren Erfolgsgeschichten gegen Ebola spielten sich oft ab, wenn die Menschen ihr Überleben selbst in die Hand nahmen. Trupps von Freiwilligen spürten Erkrankten nach, klärten mit Lautsprecherwagen die Bevölkerung auf oder versorgten ihre Angehörigen selbst, wie Fatu Kekula. Ortsansässige erledigten die Aufgaben, die im Grunde staatliche Stellen übernehmen sollten: Seuchenkontrolle, Grundversorgung von Kranken und Aufklärung.

Die medizinische Entwicklungshilfe hatte die Unterstützung ganzer Gesundheitssysteme jahrzehntelang vernachlässigt. Lieber konzentrierten sich die Geldgeber mit sogenannten vertikalen Programmen auf die Bekämpfung einzelner Krankheiten wie Malaria oder Polio. Das hatte nachvollziehbare politische Gründe: Eine groß angelegte Impfkampagne zeitigt schneller vorzeigbare Erfolge als der mühsame Aufbau von robusten Gesundheitssystemen. Jetzt will die deutsche Regierung den Blick aus der Vertikalen hin zu horizontalen, krisenfesten Gesundheitsinfrastrukturen lenken. Es wäre das Revival einer urdeutschen Idee.

Die medizinische Entwicklungshilfe bekämpfte lange einzelne Krankheiten

Denn eine Gesundheitspolitik, die sich um die Massen kümmert, ist im Grunde eine deutsche Erfindung. Der Arzt und Politiker Rudolf Virchow erkannte im 19. Jahrhundert angesichts des Elends schlesischer Arbeiter, dass Krankheit oft vor allem das Ergebnis ungesunder Lebensumstände ist. Sozialpolitik schien ihm deshalb mindestens so wichtig wie neue Hospitäler. Die Folge: Deutschland baute ein soziales Sicherungssystem auf und verbesserte die Lebensverhältnisse der Arbeiter. Eine möglichst breite Gesundheitsversorgung wurde zur Aufgabe des Staates.

Zur Jahrtausendwende beschlossen die Vereinten Nationen acht Millenniums-Entwicklungsziele, von denen drei sich direkt auf die Verbesserung der Gesundheit bezogen. Großbritannien und die USA dominierten die Versuche, diese Ziele zu erreichen, mit vielen Milliarden staatlicher und privater Dollar, die vor allem in vertikale Programme flossen.

In Deutschland war das Interesse an medizinischer Entwicklungshilfe eher gering. Deutsche Institutionen wie die frühere Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit machten sich eher mit Projekten zur demokratischen Partizipation einen Namen. Andere Organisationen werkelten an sozialen Sicherungssystemen. Ansonsten beschränkte sich Deutschland aber vor allem auf millionenschwere Überweisungen an internationale Hilfsorganisationen wie den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria oder die Impfallianz Gavi. Entwicklungsminister Dirk Niebel wollte 2011 gar die Zahlungen an den Globalen Fonds einstellen – um sie nach scharfen Protesten dann doch fortzusetzen.

Ebola nun war ein globaler Weckruf. Allen war plötzlich klar, dass explodierende Seuchen auch Deutschland vor Probleme stellen können, genauso wie die Massenmigration von Menschen, die in ihrer Heimat keinen bezahlbaren Arzt finden. Nach Jahrzehnten der Zurückhaltung will das international erstarkte Deutschland nun auch in der globalen Gesundheitspolitik eigene Akzente setzen – und die leiten sich vor allem aus den alten Ideen Rudolf Virchows und Otto von Bismarcks ab.

Im Jahr 2012 hatte das Bundesministerium für Gesundheit ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die Position Deutschlands in der globalen Gesundheitspolitik ausloten sollte. Es betonte die Notwendigkeit einer "nationalen globalen Gesundheitsstrategie". Schließlich sei die Förderung der Gesundheit in Afrika nicht nur ein humanitärer Akt, sondern auch ein Mittel der sogenannten Soft Power, also ein gewaltfreies Instrument, um den Einfluss in einer Region zu stärken. Ein entsprechendes Konzept wurde ausgearbeitet und auf der letzten Kabinettssitzung der alten Bundesregierung vorgestellt.