Wenn Marylyn Addo vom letzten November spricht, sagt sie: damals. Dabei ist es nur fünf Monate her, dass die Hamburger Professorin mit einer Injektionsnadel in den Oberarm eines Probanden stach und eine klare Flüssigkeit auf die Reise durch seinen Körper schickte. Aber es ist so viel passiert seitdem.

Die Flüssigkeit damals kam aus einer kleinen Flasche, auf der ein weißes Etikett mit schwarzer Schrift klebte: "rVSV Zebov-GP" stand darauf, und "Caution – new drug". In der Flasche ruhte bei etwa minus 80 Grad die Hoffnung, endlich eine Waffe gegen das derzeit gefährlichste Virus der Welt zu haben: Ebola. rVSV Zebov-GP ist der bislang vielversprechendste Impfstoff gegen die Seuche, die noch immer in Westafrika wütet.

Als Marylyn Addo den ersten Probanden pikst, sind dort bereits Tausende an Ebola gestorben. Die Politiker rufen nach Impfstoffen und schauen ratlos nach Westafrika, weil sie nicht wissen, wie sie die Epidemie aufhalten sollen, die die Stabilität einer ganzen Weltregion gefährdet. In dieser angespannten Lage tun sich Forscherteams aus Afrika und Europa zusammen, um den Impfstoff zum ersten Mal an Menschen zu testen. Diese erste Phase der klinischen Tests nimmt bei manchen Arzneien Jahre in Anspruch – bei diesem Impfstoff aber müssen die Tests in ein paar Monaten abgeschlossen sein. Es ist, als würde man versuchen, Gourmetküche im McDonald’s-Tempo zu machen. Das Beispiel zeigt, dass Forscher, die einen Impfstoff gegen eine seltene Krankheit entwickeln wollen, nicht nur gegen lahme Arzneimittelhersteller, zögerliche Zulassungsbehörden und unentschlossene Geldgeber kämpfen – sondern auch gegen Eitelkeiten und große Egos.

In Militäranlagen Russlands und der USA erprobte man Ebola als Biowaffe

Regierungen, Wissenschaftler, Ärzte: Alle haben Ebola unterschätzt, als im Frühjahr 2014 der Ausbruch in Westafrika bekannt wird. Die Krankheit werde sich totlaufen, höchstens ein paar Wochen dauern, dann sei der Spuk vorüber, so lauteten die Prognosen damals. Ein Jahr später sind mehr als 10.000 Menschen tot, die drei am heftigsten betroffenen Länder wirtschaftlich um fünf bis zehn Jahre zurückgeworfen – und Ebola ist noch immer nicht vollständig eingedämmt.

Hätte es wirklich so weit kommen müssen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

Ebola traf die Welt nicht völlig unerwartet. Der Erreger ist nicht neu, sondern wurde schon vor 40 Jahren von Seuchenspezialisten im damaligen Zaire entdeckt. Sie brachten Blutproben mit dem Virus in einer blauen Thermoskanne nach Europa, um es genauer zu untersuchen. Für die Krankheit, die es auslöste, interessierte sich lange niemand – sie war zu exotisch, zu weit weg, die Zahlen der Infizierten waren zu niedrig. Wenn geforscht wurde, dann hinter verschlossenen Türen. In Militäranlagen Russlands und der USA erprobte man Ebola als Biowaffe. Nach dem Kalten Krieg flaute auch dieses Interesse ab.

Im neuen Jahrtausend interessierten sich plötzlich wieder mehr Menschen für die Erforschung von Ebola und ähnlichen Erregern. "Die Terroranschläge vom 11. September haben die Forschung von Ebola befeuert", sagt Andrea Marzi, die heute am National Institute of Allergies and Infectious Diseases (Niaid) in den USA forscht, zusammen mit Heinz Feldmann, dem Entwickler der VSV-Vakzine. Sie erzählt, wie frustriert sie darüber sei, dass erst jetzt an Menschen getestet werde.

Denn seit 2005 weiß die Welt, wie gut der Impfstoff zumindest bei Affen wirkt: In einer Studie beschrieb Feldmann, dass Langschwanz-Makaken zu 100 Prozent vor einer Ebola-Infektion geschützt waren, wenn sie vorher mit rVSV Zebov-GP geimpft worden waren. Zwischen dieser Veröffentlichung und dem größten Ebola-Ausbruch aller Zeiten lagen neun Jahre. Was in der Zeit passierte, um die Vakzine einsatzfähig für den Menschen zu machen? Nichts.