Mit seiner Sesshaftwerdung beginnt der Mensch vor etwa 10.000 Jahren, Pflanzen und Tiere zu züchten. Das erste Saatgut wählt er noch zufällig aus. Was mehr Ertrag liefert, wird im nächsten Jahr wieder angebaut. Jahrtausendelang ist Züchtung ein Geschäft mit Zufall und Erfahrung. Die ersten systematischen Regeln für die Kunst, Pflanzen zu kreuzen, um Nachkommen mit bestimmten Merkmalen zu erhalten, führt der Augustinerabt Gregor Mendel 1869 ein.

Diese Geschichte der Pflanzenzüchtung ist die Geschichte zunehmender Präzision. Mehr und mehr verliert nach Mendel der Zufall seine Bedeutung. Doch noch immer müssen die Züchter komplette Genome miteinander mischen, obwohl sie sich nur für wenige Merkmale interessieren. Erst der nächste Technologiesprung fast 200 Jahre später ermöglicht die Übertragung einzelner Gene. Anfang der 1980er Jahre nutzen Forscher erstmals ein Agrobacterium als Genfähre, um ein Merkmal gezielt in eine Pflanze zu übertragen.

Auch diese Methode hat noch ihre Schwächen. Die Züchter wissen nicht, wie viele Kopien des neuen Gens wo genau im Erbgut der Pflanze eingebaut werden – das lässt dem Zufall noch einen Spielraum. Seit einigen Jahren kündigt sich nun die wohl folgenreichste Revolution in der Geschichte der Züchtung an: Der Zufall spielt bald keine Rolle mehr.

Damit wären auch viele der bisher diskutierten Risiken der Gentechnik obsolet. Die Eingriffe der Genetiker sind jedenfalls so präzise, dass sie zum Teil nicht von natürlichen Mutationen unterscheidbar sind.

Die Methoden tragen rätselhafte Namen wie Talen, ZNF oder Crispr/Cas9. Ihnen gemeinsam ist ein geniales Prinzip: Sie funktionieren wie ferngesteuerte Scheren fürs Genom. An der Spitze der methodischen Evolution steht gegenwärtig Crispr/Cas9. Bei dieser Technik können Forscher besonders einfach bestimmen, wo die Schere schneiden soll. Sie fügen einen kurzen Strang Genschnipsel ein, der an die entsprechende Stelle im Erbgut bindet. Die Entdeckerinnen des Systems, die Amerikanerin Jennifer Doudna und die Französin Emanuelle Charpentier, werden bereits für den nächsten Nobelpreis gehandelt.

Weltweit arbeiten Forscher daran, die Effizienz und Präzision der neuen Methoden zu steigern. So gibt es seit Kurzem eine kleinere, einfacher einzuschleusende Schere. Alle drei genannten Methoden können für die gezielte Veränderung, Entfernung oder Ergänzung von genetischer Information verwendet werden. Danach müssen die Forscher quasi nur noch die Werkzeuge aufräumen und die Spuren ihrer Arbeit beseitigen. Zurück bleibt eine Pflanze, die so auch in der Natur entstanden sein könnte.

Die neu entwickelte Rapssorte SU Canola entstand mit einem anderen Verfahren in Bausatztechnik, dem Rapid Trait Development System, kurz RTDS. Dabei schleusen die Züchter kurze, synthetisch hergestellte Genstücke in den Zellkern ein. Sie sind bis auf einzelne Bausteine identisch mit dem zu verändernden Gen und heften sich daher nahezu passgenau an den Erbgutstrang an. Das provoziert das zelleigene Reparatursystem: Es schreibt just an der betreffenden Stelle das Erbgut um – und zwar entsprechend dem Text des künstlichen Schnipsels. Dieser selbst wird abgebaut. Das Resultat ist schon in der ersten Pflanzengeneration nicht von einer natürlichen Mutation zu unterscheiden.

Präzision, Effizienz, Geschwindigkeit – die Evolution der Gentechnik geht knapp 250 Jahre nach Gregor Mendel gerade erst richtig los.