Cibus verwöhnt Amerikas Farmer. Mit modernstem Saatgut und drei Tagen Ferien – for free. Wer rechtzeitig 30 Säcke SU Canola bestellt hat, dem schenkt die junge Saatgutfirma den Flug nach San Diego. Hotel, Essen, Unterhaltungsprogramm und die Tour durch die Labore des Unternehmens sind inklusive.

Dort haben Forscher den Raps der Zukunft entwickelt. SU Canola gehört zu den ersten der künftigen Designsaaten in der Landwirtschaft, ein Produkt der neuesten gentechnischen Züchtungsverfahren. Genom-Engineering lautet das neue Patentrezept in der Saatgutbranche, eine ganze Palette biotechnischer Werkzeuge erlaubt erstmals exakte Eingriffe in den Code des Lebens. Die neuen Werkzeuge haben kryptische Namen wie Crispr, ZNF oder Talen (siehe Text unten) und eine Gemeinsamkeit: Sie sind präzise. Mit ihnen können Gentechniker sichere und punktgenaue Eingriffe im pflanzlichen Erbgut vornehmen – früher wurde bei der gentechnischen Pflanzenzucht fremdes Erbmaterial nach dem Zufallsprinzip ins Genom bugsiert. Mit den neuen Verfahren kann die Erbinformation so detailgenau bearbeitet werden, als wäre sie ein Text in einem Schreibprogramm – Buchstabe für Buchstabe. Einzelne Veränderungen sind von natürlichen Mutationen nicht zu unterscheiden.

Auch bei Cibus in San Diego entstehen solche Pflanzensorten mit vorgeplanten Eigenschaften. Der herbizidtolerante Raps SU Canola steht zur Frühjahrsaussaat bereit, in den kommenden drei Jahren werden schädlingsfeste Kartoffeln folgen, dazu Reis und Flachs. Für jede wichtige Nutzpflanze will man optimierte Sorten erzeugen und global vermarkten.

Wahrscheinlich dürfen auch deutsche Landwirte bald mal nach San Diego reisen. Denn die Saaten von Cibus gelten in Deutschland nicht als gentechnisch verändert. Das hat das zuständige Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) mit Datum vom 5. Februar entschieden. Die Rechtmäßigkeit des entsprechenden Bescheids hat das BVL gegenüber der ZEIT Ende vergangener Woche bestätigt. "Wir haben beschlossen, dass das Produkt nicht unter das jetzige Gentechnikrecht fällt", sagt BVL-Sprecher Andreas Tief. Cibus könnte seinen Raps nun einfach über seine niederländische EU-Niederlassung beim Bundessortenamt in Hannover registrieren und den Bauern in Mecklenburg-Vorpommern auf den Hof liefern. Sicherheitsabstände bei der Aussaat und Kennzeichnung sind nicht nötig.

Der Grund für die Einschätzung der Verbraucherschützer: Die neuen Werkzeuge der Gentechnologen arbeiten gleichsam im Tarnkappenmodus. Zwar wird die Veränderung im Erbgut der Pflanze gentechnisch erzeugt, im neu geschaffenen Gewächs finden sich keine Spuren des Eingriffs – bis auf jenen genau platzierten kleinen Umbau, der erwünschte Eigenschaften erzeugt. Da im Saatgut weder Genfähren benutzt werden noch Fremdgene und Antibiotika-Resistenzen zurückbleiben, seien die Designgeschöpfe ihrem Wesen nach nichts anderes als konventionell gezüchtete Pflanzensorten, sagt das Berliner Bundesamt. Ähnlich argumentiert die Zentrale Kommission für biologische Sicherheit. Für die Befürworter des Genom-Engineering gilt dabei als Faustregel: Werden weniger als 20 Genbausteine im Erbgut der Pflanze verändert, ist der Eingriff später nicht mehr von natürlichen, zufällig auftretenden Mutationen bei herkömmlich gezüchteten Sorten zu unterscheiden.

Weil das so sei, lautet die Logik bei Unternehmen und den meisten Fachleuten, handele es sich bei den neuen Gewächsen auch nicht um gentechnisch veränderte Organismen (GVO). Im Klartext: Die Geschöpfe der Biotechnologie 2.0 sind naturidentisch. Auch bei Cibus legt man Wert darauf, sein Verfahren als authentisch zu präsentieren: RTDS (Rapid Trait Development System) – "Cibus’ fortgeschrittene nicht transgene Züchtungstechnologie".

Gentechnikfrei trotz Gentechnik, da stimmt nicht nur die deutsche Aufsichtsbehörde in Berlin zu. Ganz ähnlich, sagt der gerade in den Ruhestand wechselnde BVL-Experte Hans-Jörg Buhk, hätten auch die zuständigen Stellen in Finnland, Schweden und Großbritannien entschieden. "Es ist unsinnig, wenn wir Dinge regulieren, die wir nicht erkennen können", sagt der bisherige Direktor der Abteilung Gentechnik. "Entscheidend sollte sein: Ist dort Gentechnik identifizierbar oder nicht identifizierbar?"

Zwar steht der Bescheid des Bundesamts noch unter dem Vorbehalt einer möglichen Direktive der EU-Kommission. Doch ob es diese je geben wird, steht dahin. Manche Beobachter sind überzeugt, dass die Kommission die Neubewertung der Gentechnikregulierung zwar mit hoher Priorität betreibt, die Entscheidung, ob die neuen Züchtungsverfahren nun Gentechnik sind, aber gern anderen überlassen möchte. Womöglich, so lauten die Spekulationen, werde man es bei einer Empfehlung belassen und es den Mitgliedsstaaten anheimstellen, nach Gutdünken zu handeln. Die Kommission erklärte bei der letzten Sitzung des Regulierungsausschusses am 16. März nur, man werde alle Technologien gemeinsam regeln, die rechtliche Analyse dauere an.

Kritiker und Befürworter der new plant breeding techniques nutzen die Hängepartie nach Kräften, um in Brüssel für ihre Sicht der Dinge zu trommeln. Während sich Forschungsorganisationen und wissenschaftliche Expertengruppen unisono für die Gleichstellung der neuen Gentechnik mit konventionellen Züchtungen aussprechen, hält die Anti-Gentechnik-Lobby strikt dagegen.

In der grünen Bundestagsfraktion herrscht Empörung. Das BVL schaffe Tatsachen, bevor der Gentechnikstatus dieser Sorten durch die zuständige EU-Ebene geprüft sei, sagt der Grünen-Sprecher Harald Ebner: "Es kann nicht sein, dass in den Hinterzimmern irgendeiner Behörde entschieden wird, was Gentechnik ist und was nicht."