Warm, weich, angenehm rau und kompakt fühlt sie sich an, die Hand, die für ein paar Sekunden in der meinen ruht. Guten Abend, hauche ich, vielen Dank für dieses großartige Konzert. "Bitte sehr", antwortet Grigory Sokolov artig und schweigt, was soll er auch sagen. Und irgendwie halte ich sie weiter fest, diese Hand, die sich in der Sarabande aus Bachs B-Dur Partita wie ein autarkes Lebewesen gebärdet hat, mit den Fingern als Tentakeln oder staksige Fohlenbeinchen. Jene rechte Hand, die sich mit der Linken im Finale der Partita, der Gigue, einen regelrechten Tom-und-Jerry-Wettstreit liefert im Bockspringen und gegenseitigen Sich-Übertrumpfen, Überkreuzen und Überschlagen – bis man kaum mehr zu sagen vermag, was links ist und was rechts, so sehr löst Sokolov in diesem viel gespielten, viel vernützten Satz jede Schwerkraft auf. Und stellt sie im selben Atemzug doch wieder hin vors Publikum, glänzend, taufrisch, als habe der alte Bach persönlich noch einmal Hand angelegt (buchstäblich), dort an ein paar harmonischen Stellschräubchen gedreht, hier etwas Staub von der Klangoberfläche gepustet. Nichts wirklich zu verändern ändert manchmal eben alles.

Die besagte Hand – und das ist das Überraschende an der Begegnung mit dem russischen Pianisten Grigory Sokolov – gehört zu einem Paar kindlich dreinblickender, liebenswürdig staunender blauer Augen und zu einem Mund, der, wenn er nicht gerade fließend Deutsch spricht (und später auch Italienisch, Französisch, Englisch), fast unablässig lächelt. Der entzückende ältere Herr da mit dem Brahmsschen Topfschnitt, der sich im Künstlerzimmer der Hamburger Laeiszhalle stehend ans Klavier schmiegt, als gäbe es kein anderes Möbel auf der Welt, das ihm verlässlicher Halt gewährte, dieser Herr soll also der muffelige Griesgram sein, der die vergangenen zweieinhalb Stunden das Publikum in Atem gehalten und zu ganz und gar unhanseatischen Ovationen hingerissen hat – ohne selbst dabei auch nur den Ansatz einer Miene zu verziehen? Der "Großwesir" (SZ), der "Riese" (NZZ) und "Zauberer" (Spiegel), der "Mystiker" und "Guru" (FAZ) des zeitgenössischen Klavierspiels, die Wiedergeburt eines Sviatoslav Richter oder Emil Gilels auf Erden? Schwer zu glauben. Aber wahr.

Selbst die beiden Blumensträuße, die ihm überreicht werden, trägt der Bühnen-Sokolov mit ausgestrecktem Arm von dannen, bloß nichts an sich herankommen lassen, bloß keine Berührung, keine Irritation von außen. Wahrscheinlich steht der andere Sokolov, der nette, lächelnde, gleich hinter der Bühne und drückt sich alle Lilien und Geranien einzeln an sein großes weiches Herz.

Das Konzept des Neinsagers kommt langsam aus der Mode

Die Genese unseres so kurzen wie konzentrierten Hamburger Tête-à-Têtes freilich wirft Fragen auf. Fragen an die Kunst wie an den Betrieb, ja Fragen an unser Hiersein, die so direkt selten jemand zu stellen wagt: Wie ist es möglich, das berüchtigte richtige Leben im falschen zu führen? Kann man gleichzeitig (und ungestraft) mitspielen und, wie Sokolov, radikal bei sich bleiben? Kann Musik, die flüchtigste, fragilste, verletzlichste aller Künste, sich verkaufen, ohne dass sie ernstlich Schaden nimmt, ohne dass sie ihr Selbst verliert, weil der Markt, dem sie sich ausliefert, eben doch unkontrollierbar und gefräßig ist und die Seele sein erstes, leichtestes Opfer? Darf man dieses Risiko überhaupt eingehen, sehenden Auges?

Grigory Sokolov, der gebürtige Petersburger, der am 18. April seinen 65. Geburtstag feiert, dürfte so ziemlich der Letzte sein, dem man solche Fragen stellt. Das heißt, stellen kann man sie schon, nur leider verwandeln sie sich, kaum ausgesprochen, unter seinen blauen Augen und wachen Ohren in einen Brei aus Zumutung und Abstraktion, und wäre Sokolov nicht ein so grundhöflicher Mensch, seine Antwort fiele gewiss anders als nur einsilbig aus: "Er ist drin" – mit verschmitztem Blick auf seinen Manager Franco Panozzo, der an der Tür die Traube der Fans und Autogrammsuchenden in Schach hält –, "nicht ich. Wissen Sie, die Musik ist kein Beruf, die Musik ist das Leben. Ganz natürlich."

Interessant bleibt das Dilemma trotzdem – gerade weil Sokolov, der sagenhafte "Komplettverweigerer", anders als andere namhafte Kollegen (vorzugsweise der Vergangenheit, das Konzept des Neinsagers scheint im 21. Jahrhundert aus der Mode zu kommen) derzeit offenbar in die entgegengesetzte Richtung marschiert. Raus aus der alten Unnahbarkeit, rein ins Geschäft? Ein bisschen wenigstens? Die Pianisten Sviatoslav Richter, Glenn Gould oder Friedrich Gulda oder auch der Dirigent Carlos Kleiber haben sich, der ewigen Ambivalenzen zwischen Innenleben und Außendruck müde, schließlich mehr und mehr an die Peripherie geflüchtet und tingelten durch die Provinz, tüftelten in selbst gebauten Aufnahmestudios herum oder machten einfach gar nichts mehr. Sokolov indes, ihr treuer Bruder und Nachfahre im Geiste, hat vor einem halben Jahr einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon abgeschlossen. Ausgerechnet.