Dieses dauernde Einkaufen, damit wird man nicht Erster." Quizfrage: Wer hat das gesagt? A) Otto Rehhagel, als ihm selbst sein Spruch "Geld schießt keine Tore" zu den Ohren rauskam. B) Jürgen Klopp, als er von den Wechselgedanken seines Abwehrchefs Mats Hummels hörte. C) Thomas Tuchel in den Vertragsverhandlungen mit dem HSV. Antwort: Alles falsch.

Günter Grass war’s! Der Dichter mit dem untrüglichen Gespür für den Zeitgeist hatte diese Einsicht lange vor der Hochfinanzphase des Profifußballs gewonnen. Bereits im Februar 2000 sah er klar, als sich Borussia Dortmund, gespickt mit Stars wie Evanilson, Jens Lehmann und Jürgen Kohler, zu einem 1 : 1 beim SC Freiburg mühte. Der Nobelpreisträger saß mit rot-braunem Schal mit weißer Schrift Fan-Schal auf der Tribüne des Dreisamstadions; einer seiner Söhne lebte damals im Schwarzwald und hatte den fußballbegeisterten Vater ins Stadion geschleppt.

Der in Sachen Selbstvermarktung durchaus konkurrenzfähige Dichter biederte sich aber nicht einfach an, sondern war durch unzählige vor der Sportschau verbrachte Samstagabende mittendrin im Thema und nicht nur dabei. In seinem Buch Mein Jahrhundert, ein Jahr vor der Partie in Freiburg veröffentlicht, gilt das Kapitel zum Jahr 1903 ausschließlich dem Fußball; es erzählt vom ersten Finale um die Deutsche Meisterschaft zwischen dem VfB Leipzig und dem DFC Prag auf der Exerzierwiese in Hamburg-Altona, Endstand 7 : 2. Natürlich war für Grass – wie fast alles in seinem Leben – auch der Fußball ein politisches Projekt, deshalb seine erklärte Liebe zu den Underdogs mit schmalem Budget, zu jenen Vereinen, die als links gelten wie die ehemalige multikulturelle Freiburger Studententruppe mit ihren Afrikanern und georgischen Wilis (Zkitischwili, Iaschwili). Lange vor dem Boom der hochprofessionellen Nachwuchskaderschmieden erkannte der Dichter an den Ufern der Dreisam, "wie man mit weniger Geld das viele Geld austricksen kann".

Ein paar Jahre später brach er dann eine Lanze für den Trainer: 2007 unterstützte Grass die Initiative "Wir sind Finke", die die Amtsenthebung des legendären Freiburger Coaches Volker Finke verhindern wollte. Dass er damit (wie mit manch anderem auch) scheiterte, dürfte Grass wenig gewurmt, sondern vielmehr in seiner Weltsicht bestätigt haben: Sein Lebensheld war bekanntlich kein Fußballgott, nicht mal ein linker, sondern Sisyphos, der alte Grieche, den die Götter dazu verdammten, zeitlebens und ohne Aussicht auf Gelingen einen Felsbrocken auf einen Berg zu rollen. Dass er sich seinen Humor von diesem Schicksal nicht verderben ließ, bewies Grass übrigens auch schon in der Nachspielzeit jener Freiburger Partie. Auf die Reporterfrage: "Wie fanden Sie den Dortmunder But?", antwortete Grass: "Ja, sicher war er ganz gut, aber mein Butt ist besser."

2004 lief er noch einmal auf fremdem Platz auf, diesmal beim FC St. Pauli. Um dem stets klammen Kiez-Club zu helfen, las Grass ohne Gage vor der Haupttribüne des Millerntorstadions aus seinem Werk. Zuschauer: 1.000. Nicht schlecht für ein Spiel ohne Ball.

Grass’ bleibender Beitrag zur Fußballkultur freilich ist ein Gedicht, das wir zur Erinnerung an diesen Dribbelkönig und Wadenbeißer der deutschen Literatur noch einmal zitieren wollen:

Nächtliches Stadion

Langsam ging der Fußball am Himmel auf.

Nun sah man, daß die Tribüne besetzt war.

Einsam stand der Dichter im Tor,

doch der Schiedsrichter pfiff: Abseits.