Am Sonntagabend kamen seine letzten Korrekturen, da lag er selbst schon, plötzlich auf den Tod erkrankt, in einem Lübecker Spital. Aber die Druckfassung unseres Gesprächs darüber, wie es seinem Oskar Matzerath kürzlich auf der Theaterbühne ergangen war, hatte er noch durchsehen können. Auf dem Mitschnitt des Gesprächs hört man ihn schwer atmen, aber so war es schon öfter gewesen bei diesem Lebensraucher. Sein Markenzeichen, die Pfeife, war zunächst nur eine Ersatzbefriedigung für die Selbstgedrehten ohne Filter, die er als junger Mann in einem fort qualmte. Erst die Angst vor einem Raucherbein brachte ihn auf leichtere Kost. Er rauche eigentlich gar nicht, es gehe ihm nur ums Anzünden, hat seine zweite Frau Ute mal gesagt. Das Rascheln der Hölzchen, das zischende Geräusch des Anreißens, das Suckeln und Schmauchen bilden den mir unvergesslichen Soundtrack auch unseres letzten Gesprächs.

Mit der ihm eigenen Akribie hat er im Urlaub, in den er am Ostermontag aufgebrochen war, die Tippfehler in meiner Abschrift des Gesprächs korrigiert, Urteile zugespitzt, hier und da Satzstellung und -melodie verändert. Zeitlebens war Günter Grass nicht nur zum Bersten einfallsreich, sondern ein disziplinierter Handwerker mit eisernem Willen. "Die Muse küsst nur, wenn man fleißig ist", sagte er, der an jedem Silvesternachmittag mithilfe einer Arbeitskladde Bilanz zog: Was hatte ich mir vorgenommen, was habe ich geschafft? Nun werden in diesem Buch keine Einträge mehr folgen, aber der Ertrag dieses Lebens wird Generationen beschäftigen.

Grass, der Sohn eines Kolonialwarenhändlers, war stolz darauf, jahrzehntelang und mit weltweitem Erfolg ein selbstständiger Unternehmer gewesen zu sein. Sein allerletztes Manuskript, das lyrisch-prosaische Wechselspiel Vonne Endlichkait, liegt druckfertig beim Verlag, auch dieser Text, wie alle anderen, zuvor mehrmals von Hand geschrieben, in diversen Fassungen in die Olivetti-Reiseschreibmaschine gehackt und dadurch auf Beständigkeit geprüft, schließlich in der Druckfahne feinjustiert. Als Autor war Grass Autodidakt, gelernt hat er Steinmetz und Bildhauer. So gewagt, mitunter fragwürdig die Themen und die Konstruktionen dieses Wortmetzen sind: Wörter, Rhythmen, Sätze, Verse sind so oft laut durchgemurmelt, bis jedes Detail seinen einzig möglichen Platz gefunden hat. Bis zuletzt füllte er auch das großformatige Tagebuch mit seiner fließenden Schrift; aufgeschlagen lag es auf dem Stehpult in seinem Behlendorfer Atelierhaus, als wir uns am Karfreitag dort trafen. Gleich daneben: ein roter Aktenordner mit einem Haschaufkleber, "No Grass, no fun" – er war eben nicht nur der ewige Mahner, sondern ein Mensch, der gerne lachte, über sich und andere.

Nie habe ich ihn so demütig erlebt wie im Angesicht der Kinder aus dem Slum

Erstmals begegnet sind wir uns vor gut zehn Jahren, in Kalkutta. Als Reporter begleitete ich Grass auf einer Reise, die ihn zurückführte auf die Spuren seines Buches Zunge zeigen von 1987. Dafür hatte Grass einige Monate in dieser Hölle von Stadt gelebt, sich ohne Zimperlichkeit dem Dreck, der Armut, dem empörenden Gefälle zwischen Reich und Arm ausgesetzt. Nun wollte er sehen, ob sich etwas zum Besseren gewendet hätte. Viel hatte ich gehört über Grass’ Streitlust, seine Rechthaberei. Ich traf einen neugierigen, nimmermüden, begeisterungsfähigen Weltentdecker, der mit seinen beinahe 80 Jahren nicht genug bekommen konnte vom Chaos ringsum und der ganzen Reisegruppe beständig Beine machte. Unser Kalkutta-Trip war eine beinahe familiäre Angelegenheit; Grass hatte seine jüngste Tochter Nele mitgenommen, außerdem eine Schwiegertochter. Vielleicht war es sein Versuch, das an Zuwendung nachzuholen, was er während der Kindheit seiner sechs Söhne und Töchter und auf dem Zenit seines Ruhms als Vater womöglich versäumt hatte.

Fortan habe ich Grass immer wieder als Familienmenschen erlebt, beim Lyrikabend, den er leuchtenden Auges mit seiner Schauspielertochter Helene veranstaltete, bei einem Butt-Essen in Danzig mit seiner Schwester Waltraud, die er einst einem katholischen Orden entriss und in eine fruchtbare Hebammen- und Gewerkschaftskarriere hineinquatschte. Legendär ist sein ritueller Kopfstand bei großen Familientreffen, um mal alles in neuer Perspektive zu sehen. Erst spät, nach seinem 80. Geburtstag, war damit Schluss – der Arzt verbot es.

Unsere Tage in Indien waren ein Kompaktkurs in Sachen Grass. Ich erlebte den Furchtlosen vor Fürstenthronen: Der Ministerpräsident Bengalens, Oberhaupt von mehr als 200 Millionen Menschen, wollte mit Grass übers Kino plaudern. Aber der Nobelpreisträger fühlte lieber dem eifrigen Kommunisten auf den politischen Zahn – und fällte ein vernichtendes Urteil: Sie sind ja nur ein Sozialdemokrat! Was Weltruhm bedeutet, erfuhr ich im hintersten Winkel eines Slum-Marktes, wo ein Bonbonverkäufer begeistert aus seiner Bretterbude rief: "Gunter Grass!" Dem Erkannten war es Balsam auf die Wunden, die eine mitunter unerklärliche Häme in der Heimat ihm zugefügt hat, je älter und berühmter er wurde. Wirklich verstanden hat er die Missgunst und sehr deutsche Lust am Denkmalsturz nie; am Ende unseres letzten Treffens fragte er, warum wir in der ZEIT sein jüngstes Buch Sechs Jahrzehnte nicht besprochen hätten – das käme doch wahrlich selten vor, dass ein Autor auf so ein Lebenswerk zurückblicken könne.