Fünfzig Jahre. So lange sind sie schon da, am Schrötteringksweg 9 und 11, auf der Uhlenhorst. Im letzten Sommer, als das Jubiläum anstand, richteten alle, die in den Häusern wohnen, ein großes Fest für sie aus. Für Judith und Horst Seidel. 88 Jahre, die Hausmeister. Ans Aufhören? Wollen sie nicht denken.

Wie an jedem Dienstag hat Judith Seidel heute Vormittag die Treppe in Nr. 11 gewischt, am Donnerstag ist das Nachbarhaus dran. Im Vorgarten leuchten die Blumen, bunte Wichtel und Tiere aus Gips hat sie vor dem weißen vierstöckigen Gründerzeithaus drapiert. Sieben Stufen führen hinunter zu Horst und Judith Seidel, in eine verwinkelte Zweieinhalb-Zimmer-Souterrainwohnung mit ausgebauter Kammer.

Es dauert, bis Horst Seidel sich vom Sofa erhoben hat. Erst vor Kurzem war er im Krankenhaus, weil sein Körper im Alter nicht mehr so will, wie Seidel es gern hätte. Ob ein anderer Termin für das Gespräch besser gewesen wäre? "Nee", hatte Judith Seidel zuvor am Telefon gesagt, "davon wird er auch nicht gesund."

Zu überlegen, ob und wann etwas am besten passt – vermutlich abwegig für ein Paar, dessen Beruf es seit einem halben Jahrhundert erfordert, für andere ab Abruf da zu sein.

Lange hatte Horst Seidel sogar zwei Berufe. Tagsüber schuftete er auf dem Bau, wenn er nach Hause kam, musste er täglich Heiz- und Wasserkessel in beiden Häusern mit insgesamt zwölf Zentnern Koks befeuern. Damals, bevor die Heizung 1978 auf Fernwärme umgestellt wurde. Diese Zeiten sind vorbei. Horst Seidel ist in Rente. Und es scheint, als seien die Aufgaben eines Hausmeisters auch nur noch von Rentnern mit Hingabe und Sorgfalt zu erfüllen.

Der Beruf selbst droht in Rente zu gehen. Viele der Hausmeister werden heute von Reinigungsfirmen ersetzt. Schon seit Jahren sind die Seidels die einzigen Hausmeister in ihrer Straße. "Der Hausmeister, der im Kittel durch das Haus rast, ist ein Auslaufmodell", sagt Ulrich Popertz, Sprecher des Deutschen Mieterbundes. "In den meisten Fällen wird die Dienstleistung heute outgesourct."

Wie viele Hausmeister es in Hamburg überhaupt noch gibt, weiß keiner so genau. Wer macht sich schon die Mühe, bei den Millionen von Mietshäusern in Deutschland nach Hausmeistern zu fragen? Zwar arbeiten in einigen teuren Gegenden wieder sogenannte Concierges und Doormen, trotzdem ist der Trend eindeutig: Hausmeister sind zu teuer und mit einem Job, in dem sie eigentlich nie Feierabend haben, auch nicht kompatibel mit den Gesetzen.

Der Vertrag der Seidels regelt deshalb vor allem das Putzen der Treppenhäuser. "Zweimal pro Woche fegen, mobben, einmal wöchentlich feudeln, einbohnern, nachbohnern." Dank verbesserter Reinigungsmittel ist eine Nassreinigung nur einmal im Jahr vonnöten. Das Kehren der Straße, die Pflege des Vorgartens, dafür ist ihr Mann zuständig. In schneereichen Wintern schippt er den Gehweg frei. Zumindest bei diesen Arbeiten lassen sich die Stunden zählen. Aber im Dienst fühlen sich die Seidels rund um die Uhr.

Judith Seidel hält ein Formular in der Hand und tippt empört auf den Zettel. Ihre 30,2 Monatsarbeitsstunden soll sie darauf eintragen, nach dem neuesten Gesetz für geringfügig Beschäftigte. "So ein Blödsinn!", ruft sie. "Als ob ich feste Öffnungszeiten hätte!" Was, wenn wie jüngst eine Hausbewohnerin um Mitternacht klingelt, weil ihr Schlüsselbund in einem Hotel in Peking liegt? Irgendjemand wolle immer etwas, das sei doch der Job, sagt Judith Seidel.