Für die Mitglieder der Pariser Akademie der Schönen Künste war der Fall klar. Diese neue Künstlergruppe, die seit den frühen 1860ern von sich reden machte, war ein Affront gegen den guten Geschmack. Wie gute Kunst auszusehen hatte, nämlich ganz realistisch und perspektivisch exakt, darüber entschieden sie, die Herren in steifen Kragen und mit seidenen Zylindern. Stattdessen malten die Impressionisten die Welt aber einfach so, wie sie ihnen vorkam. Aus lauten Farben und groben Pinselstrichen entstand die Realität als emotionale Interpretation. Es war eine Revolution, die das Pariser Establishment keinesfalls zulassen wollte.

Dass die Impressionisten schließlich dennoch den Weg frei machten für die Moderne und dabei einige der populärsten Gemälde aller Zeiten schufen, hat die Welt Paul Durand-Ruel zu verdanken. Einem Pariser Kunsthändler, der den unordentlichen Haufen von Avantgardisten zu einer globalen Sensation machte und dabei den modernen Kunstmarkt begründete. Anhand von 85 Gemälden, die fast ausnahmslos durch seine Hände gingen, erzählt eine Ausstellung in der Londoner National Gallery die Geschichte des Mannes, der – so der Titel der Ausstellung – "den Impressionismus erfand".

Die erste Begegnung zwischen den Impressionisten und Durand-Ruel ereignete sich 1871 in London. Der Kunsthändler war mit seinem Laden kurzfristig dorthin gezogen, um dem Chaos des Deutsch-Französischen Krieges zu entgehen. Zur selben Zeit versuchten Claude Monet und Camille Pissarro ihrem schlechten Ruf in Paris zu entkommen und ihre Arbeiten in London zu verramschen. Die Ausstellung zeigt unter anderem Monets Themse bei Westminster und Pissarros Straße in Sydenham. Es waren Bilder, die Durand-Ruel so gut gefielen, dass er die Leinwände der beiden Künstler gleich stapelweise kaufte, und als er nach der Rückkehr aus dem Exil die Werke von Renoir und Degas sah, war ihm klar, dass er mit diesen Künstlern viel Geld verdienen konnte. Durand-Ruel wurde zum Mäzen der Geächteten, zum Manager der Avantgarde. Er bezahlte ihren Unterhalt, übernahm ihre Materialkosten und schickte sie zu seinem Schneider. Monet bekam ein Studio in seinem Haus, Renoir zog auch bei ihm ein. Alles, damit sie für ihn malen konnten.

Eine so erlesene Ausstellung von impressionistischen Meisterwerken, wie sie jetzt in London zu sehen ist, hat es womöglich noch nie gegeben. Wer glaubt, Impressionisten seien etwas langweilig, weil er Monets Seerosen-Bilder und Degas' Tänzerinnen schon auf zu vielen Postern gesehen hat, der wird hier sofort überwältigt. Als reichte die Qualität jedes einzelnen ausgestellten Bildes nicht, gewinnt es in dem Kontext der Geschichte, die hier erzählt wird, zusätzliche Wucht. Denn so allgegenwärtig und selbstverständlich uns das monumentale Gesamtwerk dieser Epoche heute vorkommt, beinahe wären die Impressionisten in der Versenkung verschwunden. Die Moderne begann nur durch eine Reihe unglaublicher Zufälle. Nicht zuletzt gaben der Galerist und seine Künstler ein ganz und gar ungleiches Gespann ab. Paul Durand-Ruel war eigentlich ein Konservativer. Ein Monarchist und katholischer Kirchgänger, der als Jugendlicher von einem reglementierten Leben als Missionar oder als Soldat geträumt hatte. Kunsthändler war er nur aus Anstand geworden, denn nach dem frühen Tod des Vaters musste einer das Geschäft weiterführen, um die Familie zu versorgen. Dass ausgerechnet jemand wie er eine Avantgarde vertrat, die sich von dem prallen Leben des Proletariats inspirieren ließ, erschien Durand-Ruel selbst als "wahnsinnig".

Gleich zu Beginn stellt die Schau ihren Protagonisten mit einem Porträt von Renoir vor. Es zeigt Durand-Ruel als alten Mann. Sanft, nachdenklich und mit gesenktem Blick, der Schwermut verrät. Doch die blitzenden Augen verraten einen Mann, der aus purer Überzeugung handelt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

Als Geschäftsmann war Paul Durand-Ruel waghalsig, wenn nicht verantwortungslos. 1872 kaufte er bei Édouard Manet an einem Tag 23 Leinwände, die er über ein Jahr lang abbezahlte. Wieso er sich dabei trotzdem nicht verkalkulierte, wird klar, wenn man einige Manets aus diesem Deal heute betrachtet. Zum Beispiel Die Seeschlacht zwischen der U.S.S. Kearsarge und der C.S.S. Alabama, eine Szene aus dem amerikanischen Bürgerkrieg von 1864, die Manet nach aktuellen Zeitungsberichten malte. Zwei Drittel der Leinwand sind von einer gewaltigen Seelandschaft bedeckt. Der Himmel darüber wird durch aufsteigende Rauchschwaden eines sinkenden Schiffes von Finsternis verschluckt. Manet stellt Naturgewalt und Tod als emotional überwältigend dar.

Die Pariser Kunstszene schaute spöttisch zu. Der Zeitgeist fand diese Art der Malerei unfassbar. Alle paar Monate stand Durand-Ruel kurz vor dem Bankrott, und immer wieder überlegte er sich neue Verkaufstricks. Jeden Dienstag, wenn in den Pariser Galerien und Museen Ruhetag war, lud er die Öffentlichkeit in sein Haus ein. Dort hatte Monet die Salontüren mit Blumenmotiven bemalt. Der Hausherr wollte beweisen, wie gut man mit dieser neuen Kunst an der Wand leben konnte. Weil seine Maler von den offiziellen Ausstellungen der Akademie weitgehend ausgeschlossen wurden, organisierte Durand-Ruel erstmals Einzelausstellungen, und anstatt die Wände von oben bis unten mit Gemälden zuzukleistern, wie es damals üblich war, hängte er sie einzeln auf Augenhöhe nebeneinander.

Noch heute profitiert der Kunstmarkt von Durand-Ruels Entdeckungen

Als die Geldlage 1886 mal wieder besonders prekär war, reiste er mit dreihundert Gemälden im Gepäck nach New York, und endlich kam der Durchbruch. Die Neue Welt sah die neue Kunst und verstand sie sofort. Keine zwei Jahre später hingen die Arbeiten von Sisley, Degas, Renoir und Cézanne in Durand-Ruels Filiale in der Fifth Avenue. In Paris zeigte er bald darauf Monets Pappel-Bilder in einer Einzelausstellung. Dasselbe Motiv in fünfzehn unterschiedlichen Ansichten und Stimmungen in einem Raum, das hatte es noch nie gegeben.

Paul Durand-Ruel war der Pionier des modernen Kunstmarktes. Durch ihn verlor das halbstaatliche Establishment in der Akademie die Hoheit über den guten Geschmack. Seither bestimmt die Öffentlichkeit selber, was ihr gefällt. Die internationale Kunstszene entstand, und Claude Monet wurde ihr erster Superstar, dessen Werke schon zu seinen Lebzeiten für astronomische Summen verkauft wurden. Er habe alles Durand-Ruel zu verdanken, sagte er kurz vor seinem Tod. "Ohne ihn wären wir alle verhungert." Und noch heute profitiert der Kunstmarkt von seinem Erbe. Das Hauptlos ihrer Abendauktion im Mai in New York, so gab Sotheby's gerade bekannt, werde ein Nymphéas-Gemälde Monets sein, das zuerst Durand-Ruel ausstellte. Es wird auf 30 bis 45 Millionen Dollar geschätzt.